Politik : Ein Schimmelpilz für einen Wein

Freunde des Tokajer nennen ihn göttlich

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Fürstlich sei er oder majestätisch, der Tokajer, wenn nicht gar göttlich. So preisen die Ungarn ihren edelsüßen Wein, und nicht nur sie haben sich zu solchen Huldigungen aufgeschwungen. Franz Schubert komponierte ein „Lob des Tokajers“, in der ungarischen Nationalhymne taucht der Weißwein auf, und Voltaire war gar überzeugt, dass man nach seinem Genuss die Existenz eines höheren Wesens anerkennen müsse. Dabei verdanken die Ungarn die Existenz des Tokajers nur einem dummen Zufall – zumindest der Legende nach. Die besagt, dass die Weinbauern rund um den Ort Tokaj Mitte des 16. Jahrhunderts einmal nicht rechtzeitig mit der Weinlese beginnen konnten, weil Türken in die Gegend eingefallen waren. Als die Bauern im Oktober endlich in die Weinberge zur Lese aufbrechen konnten, stellten sie entsetzt fest, dass die Beeren eingeschrumpelt waren. Da ihnen aber nichts anderes übrig blieb, ernteten sie die Trauben trotzdem und entdeckten, wie gut der daraus gewonnene Wein schmeckte. Und exportierten den Tokajer, was keine Legende mehr ist, an alle großen europäischen Höfe. Heute lassen die Winzer absichtlich einen Edelschimmelpilz gedeihen, der den Saft der Trauben verdunsten lässt. Ob der Tokajer auch heute noch von den wichtigen Regierungssitzen Europas geordert wird, ist leider nicht bekannt.

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