Politik : Ein schrecklich nettes Angebot

Armin Lehmann

Klaus-Peter Klaiber findet, was er sucht. Es ist eine Notiz an ihn vom Auswärtigen Amt. Er liest, muss schmunzeln, schüttelt ungläubig den Kopf. Er weiß jetzt, dass er über zwei Telefonnummern zu erreichen sein wird: Die eine ist "kostengünstig", die andere "kostenintensiv". Klaiber guckt, als wolle er laut loslachen und sagen: Kann ja nichts mehr schief gehen am Hindukusch! Er war zwar noch nie an diesem fernen, kriegszertrümmerten Ort, er hat keinerlei Informationen darüber, ob Fenster in seinem neuen Büro auf dem ehemaligen Botschaftsgelände der DDR sind, ob die Autos fahren, die zur Verfügung stehen. Er weiß nicht einmal, ob es Licht gibt, woher er Möbel bekommt, ob die Computer funktionieren. Personal hat er auch noch nicht, der Bodyguard kommt erst im Januar. Aber bitte, zumindest weiß er schon mal, dass er kostengünstig zu erreichen ist, ab heute in Kabul, als Afghanistan-Beauftragter der EU.

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Klaiber ist Diplomat, seit 33 Jahren. Er kennt das schon, heute hier und morgen da. Noch sitzt er hier, in seinem Büro im Auswärtigen Amt. Seine Hände liegen ruhig auf der Sessellehne. Er braucht im Gespräch nicht viele Gesten. Die Hände sind glatt und gepflegt. Sein Gesicht trägt viele Falten, sie machen es ausdrucksstark, sie betonen die kleinen, hellen Augen, die einen so bestimmt ansehen können. Hände und Gesicht, sanft und energisch. Dabei müsste dieser Mann doch aufgeregt sein, vielleicht sogar wütend darauf, dass man ihn in diese unbekannte Hölle schickt. Ist das der Dank für die vielen Jahre im Diplomatendienst?

Klaiber aber ist entspannt. Er sagt, "ich bin Fatalist" und meint: Ich gehe da jetzt einfach hin und mache! Das hat er sich vorgenommen, dafür hat er die nötige Ruhe und Gelassenheit. Denn seine "größte Sorge ist jetzt raus aus dem Kopf". Und das kam so.

Klaiber war gerade dabei, seine Golfschläger zu putzen, weil ein großer Umzug bevorstand. Plötzlich liefen Eilmeldungen über die Nachrichtenticker: Er solle EU-Gesandter in Afghanistan werden. Klaiber war zunächst fassungslos, seine Frau fand das Angebot unverschämt. Später wird er sagen: "Ich war einem Herzinfarkt nahe, und meine Frau wollte sich scheiden lassen." Verständlich, denn Klaiber hat eine große Karriere hinter sich. Der Jurist war in vielen Botschaften, Kinshasa, Washington, Nairobi, London. Er hat im Ministerbüro von Hans-Dietrich Genscher gearbeitet und war unter Klaus Kinkel Chef des Planungsstabes. Für die EU verfasste er politische Papiere und arbeitete zuletzt als Direktor der politischen Abteilung der Nato. Nun sollte er selbst Botschafter werden, in Australien, der Heimat seiner Frau. Als die Eilmeldung kam, war ein Teil des Gepäcks schon dorthin unterwegs.

Es kostete ihn Mühe, seine Frau zu beruhigen. Zunächst sagte er "nein" zu diesem Angebot. Aber Klaiber ist eben Diplomat, durch und durch. Er denkt sich: "Ich habe mich so lange stark gemacht für diese EU, für ihr außenpolitisches Profil. Und dass man mir jetzt diese Aufgabe zutraut ..." Es schmeichelt ihm, es ist eine Herausforderung, "die größte in meiner Karriere". Den Posten in Australien hält man ihm frei. Seine Frau lässt ihn ziehen und steht hinter ihm. Das beruhigt, deshalb hat er den Kopf frei.

Er will jetzt das zeigen, was er am besten kann, sagt er. Krisenmanagement. Das reizt ihn. Das hat er gelernt. Er kommt zurecht damit, dass ein Diplomat Kompromisse einzugehen hat, dass seine Meinung manchmal gar nichts zählt, sondern nur die des Chefs. Was er ist, ist er von ganzem Herzen. Auch mit 61. Er schwärmt von seinem Beruf: Das Neue, die Abwechslung, mal Politik, mal Wirtschaft, mal beides. Er liebt das.

Ärmel hoch, organisieren, improvisieren, entscheiden, das liegt ihm. Vorhin erst war ein Franzose in seinem Büro, der hatte für Bodo Hombach auf dem Balkan gearbeitet. "Er wollte jetzt was anderes tun." Klaiber hat ihn gleich eingekauft. Sechs bis zehn Personen soll sein Team umfassen, aber bisher gibt es nur ihn und seine persönliche Referentin. Die "junge Frau", reist aus Bombay an und "kann ihr Glück auch noch gar nicht fassen", sagt Klaiber lakonisch.

Heute um 11 Uhr hebt sein Flugzeug ab. Das erste bringt ihn nach München, das zweite nach Peschawar, dort steigt er in eine Transportmaschine des Internationalen Roten Kreuzes, die ihn nach Kabul fliegt. Während des Flugs wird er auch endlich Zeit haben, die vier Bücher zu Ende zu lesen, die er sich in einer ruhigen Minute in Brüssel über Afghanistan und die Taliban gekauft hat.

Die letzten Wochen sind an ihm so schnell vorbeigerast, voll mit Terminen. In Brüssel haben sie ihn zwei Tage lang gebrieft, er hat mit Experten gesprochen, hat sich mit Vertretern von Nichtregierungsorganisationen getroffen, hat Aktenberge durchwühlt. Immerhin kennt er seinen Vorgesetzen gut, mit Javier Solana, dem EU-Beauftragten für die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, hat er bei der Nato zusammengearbeitet. Das wird ihm helfen, wenn er in Afghanistan Tausende von Dingen erledigen soll, in einem halben Jahr. Auf diesen Zeitraum ist der Job befristet. Erst einmal.

Klaiber ist jetzt eine Art PR-Manager, er muss versuchen, das "Profil der EU" zu stärken, wird Projekte vorschlagen, muss sich um die Stärkung der Frauenrechte kümmern, wird Ideen für eine neue Infrastruktur entwickeln und gleichzeitig die außenpolitische Strategie der Nachbarstaaten analysieren. Er weiß bis heute nicht, ob die EU lieber den politischen Prozess betonen will oder den Wiederaufbau. Oder beides. Niemand kann Klaiber diese Fragen beantworten, er wird die Antworten selber finden müssen.

Der Schwabe weiß, im Vergleich zu diesem Job war alles andere Theorie: "Ich muss dazulernen, mit meiner alten Diplomatenschule komme ich nicht weit." Dann grübelt Klaiber ein wenig über seine Worte nach. Nein, er hat noch keine Vorstellung von dem, was ihn erwartet. Niemand hätte sie.

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