Politik : Ein Schritt auf unbekanntes Terrain

THOMAS GACK

BRÜSSEL . "Das wird jetzt um einiges schwieriger als das, was wir bisher gemacht haben", meint am Donnerstag ein hoher Diplomat im Nato-Hauptquartier und runzelt besorgt die Stirn. Gezielte Luftschläge gehören zum vielfach geübten Handwerk der Nato-Luftwaffen. Den Aufbau der Zeltstädte in Albanien und Mazedonien und die Versorgung der Vertriebenen hat die Nato geradezu glänzend bewältigt. Doch nun betreten die Truppen der Allianz bei der Umsetzung des Friedensabkommens im Kosovo buchstäblich unbekanntes Terrain.

Sie müssen nämlich nicht nur über wenige befestigte, vielleicht aber verminte Straßen in das unwegsame Kosovo einrücken, dort die vereinbarte Waffenruhe durchsetzen und die Rückkehr der Vertriebenen militärisch absichern, sondern auch vermutlich vom ersten Tag an für die Versorgung, die medizinische Betreuung und die Unterkunft der Rückkehrer sorgen. Mehr als 500 000 Menschen, so schätzt man in Brüssel, hausen derzeit noch versteckt in abgelegenen Dörfern, Weilern oder in den Bergen, seit Monaten ohne ausreichende Ernährung, ohne medizinische Versorung, nahezu schutzlos der Witterung ausgesetzt.

"Wir müssen möglichst so einrücken, daß wir noch die Rücklichter der abziehenden Serben sehen. Es darf keine Sicherheitslücke enstehen", heißt es im Brüsseler Hauptquartier der Allianz. Wie werden sich die Serben, wie wird sich die UCK in den kritischen ersten Stunden des Abzugs verhalten, wenn alles in Bewgung ist? Offenbar fürchtet man bei der Nato, daß die albanische Befreiungsarmee UCK die Gunst der Stunde nutzen könnte, um die abziehenden Serben anzugreifen und damit wieder die gerade angehaltende Spirale der Gewalt in Bewegung setzen könnte. Noch dramatischer und noch verhängnisvoller für den nun endlich in Gang gesetzten Friedensprozeß wäre aber ein Rachefeldzug der Albaner gegen die serbische Zivilbevölkerung im Kosovo. Die Nato will dies unter allen Umständen verhindern. Die Friedenstruppe muß deshalb möglichst rasch in das Machtvakuum stoßen, das nach dem Abzug der serbischen Streitkräfte entstehen könnte.

In Brüssel hält man inzwischen eine Massenflucht von bis zu 100 000 Serben aus dem Kosovo nicht mehr für ausgeschlossen. "Wir müssen nicht nur die Rückkehr der vertriebenen Kosovo-Albaner militärisch absichern, sondern auch die Sicherheit der anderen Bevölkerungsteile im Kosovo, der Serben und der anderen Minderheiten, garantieren." Zumindest nach außen gibt man sich in Brüssel zuversichtlich. Es gebe bisher keinen Anlaß, an der Vertragstreue der UCK zu zweifeln. Auch die militanten Kosovo-Albaner hätten versprochen, den Friedensvertrag einzuhalten und die Waffen zu strecken.

Tatsächlich räumen die Nato-Diplomaten aber ein, daß das Mißtrauen auf allen Seiten groß, das Pulverfaß Kosovo nach wie vor hochbrisant ist. Beide Seiten gehen mit der Erfüllung des G-8-Friedensplans ein Risiko ein: Die UCK fürchtet, bei einer freiwilligen Niederlegung der Waffen ihren alten Gegenern hilflos auszuliefern. Wird sie sich einer Entwaffung widersetzen? Wird sie sich abwartend in den Wäldern verschanzen? Die Serben wiederum fürchten die Rache der Kosovo-Albaner. Sie müssen sich laut Friedensabkommen innerhalb von elf Tagen aus dem Kosovo zurückziehen - eine gefährliche Phase, in der sie von Tag zu Tag im Kosovo schwächer werden und in der die abziehende Armee zum leichten Ziel für die Angriffe der UCK werden könnte.

Die Nato beobachtet die Situation im Kosovo abwartend, aber mit erhöhter Aufmerksamkeit. Noch am Mittwoch abend flogen Nato-Kampfbomber Angriffe auf militärische Ziele. Da im militärischen Abkommen den Serben die genauen Abzugsrouten vorgeschrieben wurden und die Stärke der jugowlawischen Streitkäfte im Kosovo bekannt ist, läßt sich relativ leicht feststellen, ob Milosevic Wort hält oder ob er wieder zu faulen Tricks und Betrügereien Zuflucht nimmt. Die Nato wird auch in diesem Fall reagieren können. Denn selbst wenn Nato-Generalsekretär Javier Solana die "Aussetzung der Luftangriffe" bereits angeordnet hat, heißt das nicht, daß die Serben vor weiteren Schlägen sicher sein können. Nach Rücksprache mit den Regierungen kann der Generalsekretär nämlich diese Anordnung jederzeit widerrufen und die Wiederaufnahme der Angriffe befehlen.

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