Politik : Ein Sommer der Entwertung

Erinnerungen an die Währungsunion 1990

Kerstin Decker

Manchmal denke ich noch an meine alte Kaufhalle. Fünfzehn Jahre lang war ich fast täglich da, und dann gab es sie plötzlich nicht mehr. Der Tag, seitdem meine alte Kaufhalle keinerlei Ähnlichkeit mehr mit sich selbst hatte, war der 1. Juli 1990.

Kurz vorher sah sie bereits bedenklich aus. Wie eine einzige Mangelerscheinung. So leer waren die Regale doch selbst früher nie gewesen. Wahrscheinlich wollten die Verkäufer nichts übrig behalten von gestern, aus der alten Welt, und so hatten sie schon länger nichts mehr nachbestellt. Ein paar „Tempo“-Linsen in ihren blässlichen Kartons und Mischgemüse in den ewig klebrigen Gläsern waren wohl noch da. Und die letzte DDR-Frischware. Ab morgen, so ahnten wir Noch-DDR- Bürger am 30. Juni 1990, würden wir Milch nicht mehr in den ewig platzenden Tüten kaufen. Ab morgen kaufen wir Milch, die nicht mehr tropft!

Nie wurde ein Land so komplett und freiwillig verlassen wie die DDR, hat man gesagt. Man sollte das präzisieren. Denn die meisten mussten dazu gar nicht erst ausreisen. Nicht einmal aufstehen. Sie haben das Land gewissermaßen in ihrem eigenen Wohnzimmersessel verlassen.

Es steht so nicht in den Geschichtsbüchern, aber das eigentliche Datum, an dem die DDR aufhörte zu existieren, war der 1. Juli 1990, der Tag der Währungsunion. Es war wohl der letzte Sieg des kleinen Mannes der DDR, der seit dem vergangenen Herbst etwas Bemerkenswertes entdeckt hatte: Er brauchte nur auf die Straße zu gehen und schon bekam er, was er wollte. Die DDR hatte die Arbeiterklasse als die „führende Klasse“ definiert. Die „führende Klasse“ hat die Herbstrevolution von 1989 nicht angefangen, aber sie hat dann mitgemacht. Und die Sache auf ihre Weise weitergeführt. Denn was das Volk wollte, hatte sich in den letzten Herbsttagen geändert. Dafür brauchte es nur ein Pronomen auszutauschen. Plötzlich wollte es nicht mehr „das“ Volk sein, sondern „ein“ Volk. Das war keineswegs sentimental gemeint, man hätte sich wohl zur Not auch mit zwei oder drei Völkern wiedervereinigt, die Hauptsache war etwas anderes. Eine Währung. Mit der DM, die man nie gehabt hatte, wollte man sich wiedervereinigen. Die Mehrheit auf den Demonstrationen hätte auch rufen können: Bitte übernehmt uns! Schließt uns an! Wir legen keinen Wert mehr auf uns.

Was wählte die Mehrheit der DDR-Bürger bei den ersten und letzten freien Wahlen in der Geschichte ihres Landes bald darauf? Die CDU. Genauer: die DM.

Der Kern der Währungsunion – das ging gar nicht anders – war die vollständige Aufgabe der Souveränität der DDR. Währungsunion hieß: Anschluss zu den Bedingungen der alten Bundesrepublik. Die römische Tageszeitung „Il Messagero“ brachte es auf den Punkt: Sie nannte den Staatsvertrag zwischen der BRD und der DDR vom Mai 1990 „eine nie dagewesene und bis heute unvorstellbare Operation der totalen Übernahme der wirtschaftlichen und finanziellen Verantwortung eines Staates durch einen anderen.“ Wusste das das siegreiche Volk der DDR, als es am 1. Juli 1990 seine Kaufhallen betrat, die nun bald Supermarkt hießen? Wahrscheinlich war es ihm egal. Es betrat ein Schlaraffenland und konnten es in Tüten mit nach Hause nehmen. Vergessen die Demütigungen eines jeden Auslandsurlaubs, wenn die ungarischen, bulgarischen oder tschechischen „Brüder“ fragten: Deutsch, ja, ja. Aber Ost oder West? – Drei Antwortbuchstaben genügten, und der Funke jeglichen Interesses in ihren Augen sowie der Service erloschen.

Die alte Bundesrepublik reagierte da viel sensibler. Sie tauschte die Aluchips Ost (die aber eine hohe Binnenkaufkraft besaßen) tatsächlich eins zu eins um. Löhne, Gehälter, Mieten, Pachten, Renten, Bankguthaben bis zu einer bestimmten Höchstgrenze. Eine beispiellose Transaktion, ein monetäres Risiko West durchaus, aber zugleich der Zugewinn eines ganzen Wirtschaftsraumes, in dem fortan die eigenen Gesetze galten. Wenn der kleine Mann Ost auch bald zu klagen anfing über eine gewisse Vereinnahmung West, so vergaß er meist mitzudenken: Ich habe das doch frei gewählt!

Mit dem Wert des neuen Geldes schien auch der Selbstwert seiner Inhaber zu steigen. Neues Geld, neues Leben! So wurde der Sommer 1990 zugleich ein seltsamer Sommer der Entwertung. Die neuen DM- Inhaber warfen oft alles auf den Müll, was bis eben zu ihnen gehört hatte. Ganze Wohnzimmer, ihre alten Bücher. Ab jetzt würden sie neue lesen, oder gar keine mehr! Wolfgang Beckers „Good Bye, Lenin“ hat diese Szenen ins Bildgedächtnis der Nation gebrannt. Die frischgedruckten, noch nicht ausgelieferten Auflagen ganzer Verlage wurden direkt aus der Druckerei auf eine riesige Mülldeponie gebracht. In meiner Kaufhalle gab es nun keine Ostprodukte mehr, wozu auch, war es nicht legitim, erst einmal die anderen zu probieren? In Berlin-Kaulsdorf bei dem großen Spirituosenfabrikanten Schilkin kam ab und zu ein Kaulsdorfer vorbei, der beim Pförtner eine Flasche Wodka kaufte. Das war der ganze Umsatz. Die gesamte Exportproduktion der Noch-DDR-Betriebe: von heute auf morgen unverkäuflich. Schließlich konnte die Sowjetunion nicht in Devisen zahlen.

Manchmal denke ich noch an meine alte Kaufhalle. Das Bild lässt sich nicht mehr scharf stellen, doch würde ich wohl mit schlafwandlerischer Sicherheit alles sofort wieder finden. Es war nur natürlich, dass sich die Ostler später noch einmal an diese Welt erinnerten, die sie binnen nur eines Tages am 1. Juli 1990 verlassen hatten, ohne sich noch einmal umzublicken. Auch weil sie nicht wussten, dass es ein Abschied von einer immerhin vierzigjährigen Alltagswelt war. Irgendwann haben sie sogar wieder angefangen, Ostprodukte zu kaufen.

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