Politik : Ein spätes Eingeständnis nach vielen Dementis

ELLY JUNGHANS,ROBERT VON RIMSCHA

WASHINGTON .Die Bilder erscheinen in den USA mit der Einblendung "serbisch kontrolliertes Fernsehen", und was auf ihnen zu sehen ist, läßt das Blut gefrieren: Ein lebloser Körper wird in der Schubkarre davongefahren, ein Junge schluchzt, ein Mann lehnt mit erstarrtem Gesicht an den Trümmern einer Wand.Daß im Kosovo an diesem Tag Fürchterliches geschehen ist, leugnet niemand, nur wie es geschah, bleibt bis zum frühen Donnerstag Nachmittag zunächst ungeklärt.Washington und Belgrad bezichtigten sich am Mittwoch gegenseitig, einen oder mehrere Trecks wehrloser Flüchtlinge angegriffen zu haben.Die Berichterstatter suchten hartnäckig nach der wahren Geschichte, doch die Fakten sind flüchtig im Zerrspiegel der Propaganda des Kosovo-Krieges.

Noch am späten Donnerstag Vormittag ließ sich die NATO im Brüsseler Hauptquartier nicht in die Karten gucken.Nur Gerüchte.Es könnte, so hieß es plötzlich in einer der zahlreichen Meldungen, die die Nachrichtenagenturen verbreiten, alles auch ein gestelltes Szenario der Serben gewesen sein.Doch es war nicht so.Gegen 14 Uhr gibt die NATO schließlich zu, am Mittwoch im Südwesten des Kosovo "versehentlich" ein ziviles Fahrzeug in einem Flüchtlingskonvoi beschossen zu haben.Die von serbischer Seite angegebenen 75 Todesopfer könne man aber nicht bestätigen.

Der italienische General Giuseppe Marani, der die Presse über die militärischen Aspekte der Luftangriffe unterrichtet, sagt, die Zielerfassung aus einer Höhe von 15000 Fuß sei eine komplexe Angelegenheit.Er besteitet, daß die Einsatzregeln nicht streng genug seien."Die Piloten sind angemessen trainiert und eingewiesen", so Marani."Ein Fehler kann passieren."

Kurz darauf kommt die erste Reaktion aus Deutschland.Die Bundesregierung, heißt es, hat den Beschuß von Vertriebenen im Kosovo durch NATO-Flugzeuge "zutiefst bedauert".Der Staatssekretär im Verteidigungsminsterium, Peter Wichert, erklärt, es müsse alles unternommen werden, um derartige Vorfälle zu vermeiden.

In den USA machte sich vor allem bei den Journalisten schon lange vor dem schrecklichen "Versehen", wie es die NATO ausdrückt, Frustration breit.Der US-Journalist, der sein Handwerk noch nach der Regel "zwei Quellen für jede Nachricht" lernt, kann seinem Job eigentlich längst nicht mehr seriös nachgehen.Dieses Schicksal teilen die US-Medien allerdings mit allen anderen, die über diesen Krieg neutral berichten wollen.Die jugoslawischen Zeitungen, Fernsehsender und Nachrichtenagenturen sind inzwischen fest im Griff der Belgrader Führung.Der Augenschein bleibt westlichen Berichterstattern fast vollständig verwehrt.Die militärischen Erfolgsnachrichten des Pentagon werden seit dem Golfkrieg nur mit Skepsis genossen.Die amerikanischen Medien fürchten, instrumentalisiert zu werden, denn die Schreckensbilder vom Balkan fördern die Bereitschaft der US-Öffentlichkeit zum Krieg.

Dementsprechend aggressiv nahmen die Korrespondenten im Pentagon am Mittwoch die Sprecher des US-Verteidigungsministeriums mehr als eine Stunde lang ins Kreuzverhör."General, war dies ein US-Flugzeug, das die Bomben warf?", wurde Generalmajor Charles Wald gefragt."War es schon dunkel?" "Wo genau waren die Zivilisten?" "Warum erfahren wir das erst jetzt?" Wald schwor Stein und Bein, die NATO-Piloten bombardierten nur, wenn sie hundertprozentig sicher seien, das richtige Ziel zu attackieren.Pentagon-Sprecher Ken Bacon rückversicherte sich nervös am Telefon bei NATO-Oberbefehlshaber Wesley Clark.

Die US-Regierung setzte den serbischen Berichten von Dutzenden Toten, die unter dem Bombenhagel der NATO gestorben seien, lange Zeit drei Theorien entgegen.Erst hieß es, die NATO-Piloten hätten Militärfahrzeuge am Ende eines Flüchtlingstrecks beschossen, woraufhin die serbischen Einheiten aus Rache ein Blutbad unter den Kosovo-Albanern verübt hätten.Dann erklärte der US-Hilfskoordinator für das Kosovo, Brian Atwood, die Serben hätten die Flüchtlinge als "menschliche Schutzschilde" mißbraucht.Bacon lancierte schließlich unter Berufung auf Flüchtlinge die These, serbische Flugzeuge hätten einen Konvoi auf der Straße von Prizren nach Kukes bombardiert.Daß die jugoslawische Luftwaffe auch nach dreiwöchigen NATO-Angriffen im Kosovo noch aktiv ist, war seinen Zuhörern neu.

In Belgrad erreichte die Rhetorik unterdessen neue Höhen: Die NATO habe die Kosovo-Albaner absichtlich bombardiert, wütete der serbische Präsident Milan Milutinovic laut einem Bericht der jugoslawischen Nachrichtenagentur Tanjug."Wir betrachten dies als Verbrechen gegen die Menschlichkeit", sagte der jugoslawische Außenamtssprecher Nebojsa Vujovic.Die Flüchtlinge seien mit hundert Fahrzeugen und Traktoren auf dem Rückweg von der albanischen Grenze in ihre Heimatorte gewesen.

Ein AFP-Mitarbeiter, der zwei Stunden nach einem Bombardement in dem Dorf Mehja eintraf, zählte zwanzig Tote.Antigona Hasanaj, die zwei Verwandte bei dem Angriff verlor, sagte, "ich habe das Dröhnen von Flugzeugen und fünf oder sechs Explosionen gehört".Sechs Bewohner starben offensichtlich in ihren Häusern in Mehja.Ihre Leichen wurden auf die Straße getragen.Erst bestätigte der serbische Untersuchungsrichter Milovan Momcilovic, daß zwanzig Menschen getötet worden seien, dann wurden stündlich höhere Opferzahlen aus Belgrad und Pristina gemeldet.

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