Politik : Ein Staat, eingeklemmt zwischen verfeindeten Nationen und angewiesen auf Importe

Petra Steinberger

Etwas ist nicht in Ordnung mit den Papieren von Haidar. Die jordanischen Grenzsoldaten schleichen misstrauisch um seinen rostigen Chevrolet herum. Wenigstens verhilft die Kontrolle der molligen Rehab und ihrer Familie zu einer Atempause nach sechs Stunden Fahrt durch die Wüste, denn in Haidars Taxi stinkt es unerträglich nach Diesel. Vom irakischen Mossul führt nur ein einziger Weg nach Amman, Jordaniens Hauptstadt, und dort wartet Rehabs Bruder. Vor 23 Jahren war er zum Studium in die USA gereist, dann begannen die irakischen Kriege. Seither war er nicht mehr zu Hause. Die Familie trifft sich lieber im Ausland, das erscheint ihr sicherer. In Bagdad hat sich Rehab mitsamt Mutter und zwei Töchtern Haidars Taxi gemietet, doch nun redet der beschwörend auf die Soldaten ein, denn auch ihnen ist der Geruch aufgefallen. Kein Wunder: Der Kofferraum ist mit Kanistern vollgestopft. "Jeder will sein kleines Geschäft machen", sagt Rehab und verteilt Cola und klebrige Süßigkeiten.

Sonst gibt es nichts zu tun zwischen den bröckelnden Betonbaracken von Karama, der jordanischen Grenzstation mitten in der Felsenödnis. Irgendwo hier verläuft die Grenze zum Nachbarn, und hier beginnt unsere Reise quer durch ein Land mit Bussen und Sammeltaxis, mit Irakern, Jordaniern und Palästinensern, vom Irak bis nach Israel. Etwas weiter nördlich von Karama flogen an diesem Morgen amerikanische Flieger Angriffe auf irakische Stellungen. Rehab sagt, ihr machten die Bombardierungen nichts aus: "Uns allen nicht, wir sind das gewöhnt." Es klingt nach Trotz und Resignation.

Endlich scheint sich Haidar mit den Grenzern zu einigen, obwohl er keine Genehmigung für die Einfuhr von Diesel vorweisen kann. Aber hinter ihm warten ein Dutzend irakischer Taxis und Busse mit überladenem Gepäck. Sie sind voll mit Irakern, die auf Arbeit beim Nachbarn hoffen. Was machen da schon ein kleiner Schmuggler wie Haidar und 100 Liter Treibstoff, wenn doch jeder hier weiß, dass ganz andere Mengen die Grenze überqueren, legal oder illegal.

Jordanien liegt eingeklemmt zwischen Syrien, Saudi-Arabien und vor allem zwischen den beiden Todfeinden Irak und Israel. Und das Land, dem Rohstoffe und Wasser fehlen, ist auf beide angewiesen. Das Öl holt man sich zum Großteil aus dem Irak, beim Wasser ist es von Israel abhängig, das die Kontrolle über die Zuflüsse des Jordan hat. Jordanien sitzt zwischen allen Stühlen - kein Wunder, dass man sich auch ein halbes Jahr nach dem Tod König Husseins von den USA bis zu den Golfstaaten Sorgen macht wegen der Stabilität des Landes und es mit Unterstützung überhäuft, kurzfristig zumindest.

Über die Wüstenstraße des Ostens transportieren Lastwagen Tag und Nacht Diesel und Benzin ins Land - irakisches Öl, dessen Import ein Sonderdeal mit den Vereinten Nationen möglich macht. Darauf ist Jordanien angewiesen, seit Saudi-Arabien aus Ärger über Jordaniens pro-irakische Haltung im Golfkrieg den Ölhahn zudrehte.

Hunderte Kilometer fahren auch Rehab und die anderen zwischen diesen Transporten durch die Wüste nach Amman, an ein paar gottverlassenen Geisterstädten vorbei: Orte, die immer da aus dem Boden wachsen, wo sich an Schmuggel und anderen Geschäften etwas verdienen lässt, und deren Daseinszweck in der Versorgung irakischer Heimkehrer mit Konserven, Shampoo, gefälschten Parfums und Reis zu liegen scheint. Vorbei an der Oase Azraq, von deren einstigem Wasserreichtum nur noch ein paar ausgetrocknete Senken künden. Hier wird sogar Rehab still, die so viel lacht und ununterbrochen erzählt von den Zeiten, als es noch Ausländer gab im Irak und sie bei einer italienischen Firma arbeitete.

Kurz vor Amman, so hofft Haidar, wird er seinen Diesel und die Plastiktüten mit Zigaretten bei den irakischen Händlern loswerden, die am Straßenrand warten. Sie werden seine Schmuggelware mit ein bisschen Gewinn an Jordanier weiterverkaufen. Seit Beginn des Embargos hat Tauschhandel häufig die Geldwirtschaft abgelöst, der irakische Dinar ist nichts mehr wert. "Früher waren wir reich, und die Jordanier kamen zum Arbeiten zu uns", sagt Rehab, "heute ist es umgekehrt. Jetzt sind sie die einzige Verbindung, die uns am Leben hält."

Ein Drahtseilakt: Jordaniens neuer König Abdullah scheint dem lavierenden Kurs seines Vaters zwar zu folgen. In Amman verurteilt man die Politik Saddam Husseins, doch spricht man auch von einem "Zermürbungskrieg" gegen den Irak; und man bekennt sich weiter zu den Friedensvereinbarungen mit Israel. Doch im Volk wächst die Enttäuschung. Die meisten Jordanier haben vom Frieden bisher kaum profitiert, die Wirtschaft stagniert.

In der Dämmerung leuchten die Lichter der Hauptstadt. In Mahattar, einem ärmlichen Außenbezirk, ist Endstation für Haidar und seinen Chevrolet, mit Hunderten der orange-weißen Taxis aus Bagdad wird er hier auf den Morgen warten und auf ein paar Iraker, die nach Hause wollen. Adnan und ein paar jordanische Kollegen stehen schon bereit, die Ankömmlinge das letzte Stück ins Zentrum Ammans zu verfrachten. "Diese Leute", sagt Adnan mitleidig in Haidars Richtung, "sind unsere Brüder, sie sprechen dieselbe Sprache. Und ihre Kinder verhungern." Und er fragt, warum ein ganzes Volk für die Politik eines Mannes büßen müsse.

Seit Husseins Tod hängt eine pessimistische Stimmung über Jordanien. Adnan beklagt sich bitter über das schlechte Geschäft. "Was hat uns der Frieden mit Israel schon gebracht?", fragt er, der Frieden, den sein verstorbener König gegen großen Widerstand im Volk durchgesetzt hatte. Frau und zwei kleine Töchter muss Adnan versorgen, aber seit der Friedensprozess stillsteht, kommen weniger Besucher ins Land als erhofft. "Warum wird der Irak bestraft, Israel aber nicht?", fragt Adnan nun: "Beide haben doch UN-Resolutionen verletzt." Ähnliches hat auch Rehab gesagt, und Haidar, der irakische Fahrer. Ihre Lage halten sie für das Resultat einer Verschwörung gegen das arabische Volk, einen weiteren Beweis für das Hantieren mit zweierlei Maßstäben, das sie dem Westen unterstellen. Woran soll man sich sonst noch klammern, wenn man die Kraft verliert und in Apathie versinkt? "Vielleicht wird es irgendwann besser", sagt Adnan, "Inshallah, so Gott will."

Die USA sähen es gern, wenn die irakische Opposition einen Stützpunkt im Königreich einrichten dürfte, doch weigert sich auch Husseins Nachfolger, Jordanien zum "Sprungbrett" für die Infiltration zu machen. Spätestens die Forderungen und Lockungen so vieler verfeindeter Parteien haben den Jordaniern die Augen dafür geöffnet, dass ihre geopolitische Lage als Pufferstaat zugleich Stärke und Schwäche bedeutet. Für die Stabilität Jordaniens, meinte der Ex-Premierminister Ahmad Ubayat kürzlich, sei es notwendig, dass es sich seiner "arabischen Rolle" wieder bewusst werde.

Während sich Mahattar mit seinen Irakern zwischen den Hügeln der Vorstädte versteckt, liegt Abdali, Sammelplatz für die Weiterreise in den Westen, mitten im Herzen der Hauptstadt. Eigentlich nur ein Parkplatz mit ein paar Wellblechdächern, ist Abdali eine Metapher für die Rolle der Palästinenser in Jordanien. Sie machen weit über die Hälfte der Bevölkerung aus. Von Abdali fahren die öffentlichen Busse und Taxis nach Israel, zum reichen Nachbarn und offiziellen Friedenspartner Jordaniens. Ganz vorn auf den zerschlissenen Sitzen eines Kleinbusses warten der weißbärtige Nadir und seine Frau, bis sich der Wagen füllt. Hannah aus Ost-Jerusalem kommt dazu; sie hat ihre Schwester besucht, zum erstenmal seit dem Friedensabkommen, und zum erstenmal, seit sie durch den Krieg 1967 von ihr getrennt wurde. Samah steigt ein, eine Bäuerin aus der Westbank. Sie hat einen ihrer Söhne besucht, der mit seiner Frau in einem palästinensischen Flüchtlingslager bei Amman wohnt. Auf die Frage, was sie von Oslo halte, zieht sie aus ihrer Tasche das Foto eines jungen Mannes mit starken Brillengläsern. "Vor fünf Jahren ist er von den Juden erschossen worden", sagt sie. Warum? Weil der Kampf nie aufhören werde. Hannah redet ihr leise zu, die anderen starren ins Leere.

An der jordanischen Grenze tief in der Jordansenke steigen Hannah und die anderen noch einmal um, in einen Sonderbus für die letzten Kilometer Niemandsland über die Allenby-Brücke. König-Hussein-Brücke nennen sie die Jordanier, vielleicht um nicht erinnert zu werden an die britischen Kolonialherren, die mit den Franzosen den Nahen Osten unter sich aufteilten. In arabischen Geschichtsbüchern wird dies heute noch als Verrat an den Arabern gewertet. Der Jordan ist in dieser weißen Mondlandschaft nur noch ein braunes Rinnsal, umrahmt von Sumpfgräsern.

Beim Anblick der israelischen Grenzbunker werden die Fahrgäste still, mit gesenkten Köpfen reihen sie sich für die Kontrolle auf. Nadir, den alten Bauern mit blütenweißer Kaffieh, trifft es nicht so hart wie zwei jüngere Palästinenser, die sich einem langen Verhör unterziehen müssen. Aber er steht als Bittsteller vor den israelischen Grenzbeamten, die gelangweilt seine Papiere kontrollieren. Die üblichen Sicherheitsmaßnahmen. Und Nadir, Hannah und Samah nehmen dies ebenso hin wie Rehab und Haidar hunderte Kilometer weit im Osten, obwohl sie eigentlich nur nach Hause wollen. Hier, an der letzten Grenze zwischen Arabien und dem Westen, schließt sich der Kreis um Jordanien, das sich seine Nachbarn nicht aussuchen konnte.

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