Politik : Ein Stück Hoffnung für 60 Millionen

Die Kongolesen wünschen sich eine Regierung, die sich endlich um ihr Volk kümmert – und die eine Infrastruktur schafft, die für die Demokratisierung, sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt dringend nötig ist

Judith Reker

Kinshasa - Mindestens sechs Tote, darunter drei Bürger und drei Polizisten, außerdem eine am helllichten Tag vergewaltigte kongolesische Journalistin: Das ist die bisher bestätigte Bilanz des schlimmsten Wahlkampftages in Kinshasa, vergangenen Donnerstag. Auch die Gerüchteküche brodelt. Eine Explosion nahe dem Haus des Vize-Präsidenten Jean-Pierre Bemba bringen dessen Anhänger mit dem etwa zeitgleichen Überflug französischer Mirage-Kampfjets der Eufor-Truppe in Verbindung. Die Wahlbeobachter sind bei den Kongolesen nicht besonders beliebt.

Der Kongo könnte Milliardeneinnahmen zum Wohl der Bevölkerung erwirtschaften, stattdessen sterben im Land 1000 Menschen täglich an heilbaren Krankheiten, an Hunger und anderen Folgen zweier zerstörerischer Kriege. Und genau darum wird es bei den historischen Wahlen heute gehen: Es soll die Voraussetzung geschaffen werden, damit das Land von der Größe Westeuropas endlich damit anfängt, sich um seine 60 Millionen Bewohner zu kümmern. Justiz, Verwaltung, Polizei und Armee, Straßen, Arbeit, Gesundheitswesen: eigentlich alles, was einen Staat ausmacht, muss im Kongo neu geschaffen werden.

Was unter der belgischen Kolonialherrschaft gut funktionierte, funktionierte unter den Bedingungen eines Apartheid-Staates zugunsten einer winzigen Minderheit. Auch die Einführung des kleptokratischen Systems unter Joseph Désiré Mobutu kurz nach der Unabhängigkeit 1960 brachte wieder nur einer kleinen Minderheit Vorteile. Als im Jahr 1997 der Ostkongolese Laurent Désiré Kabila als Präsident auf Mobutu folgte, begann für die Bevölkerung auch noch eine Leidensphase zweier verheerender Kriege, in die zeitweilig sieben Staaten verwickelt waren. Der jetzige Präsident Joseph Kabila folgte seinem Vater 2001 auf den Präsidentenstuhl. Nach einem Friedensschluss im Jahr 2002 besteht seit 2003 die so genannte 1+4-Regierung, in der Kabila Junior als Präsident und vier Vize-Präsidenten mehr stagnierten als regierten.

Unter den 33 Präsidentschaftskandidaten befinden sich „sogar eine Reihe respektabler Persönlichkeiten, die nie in den Verdacht von Korruption gekommen sind“, wie ein Analyst sarkastisch bemerkt. Der Arzt Oscar Kashala und der einflussreiche katholische Laienvertreter Pierre Anatole Matusila gehören dazu, doch werden ihnen keine Chancen eingeräumt. Daneben bewerben sich mehr als 9700 Kandidaten um 500 Parlamentssitze. Die wichtigsten Personen im Präsidentschaftswahlkampf sind Präsident Kabila, die Vize-Präsidenten Jean-Pierre Bemba und Azarias Ruberwa. Präsident Kabila hat sich entgegen vieler Unkenrufe im Amt gehalten, mit massiver Unterstützung der internationalen Gemeinschaft. Ihm wird zugute gehalten, dass er den Krieg beendet hat. Er habe sich mit Kriminellen umgeben und persönlich bereichert, argumentieren seine Gegner.

Die Rolle des größten potenziellen Störers bei den ersten freien Wahlen seit 40 Jahren hat Ex-Rebellenführer Bemba übernommen. Eine hohe diplomatische Quelle bezeichnet ihn als reiches „verwöhntes Kind, das ein Nein nicht akzeptieren“ könne. Viele finanzkräftige Gönner im Ausland haben sich mittlerweile von ihm abgewendet, und auch auf die Loyalität seiner Privatarmee könne er nicht allzu sehr vertrauen, sagen Analysten. Der ehemalige Rebellenchef Ruberwa gilt als kluger, aber aussichtsloser Kandidat. Weil er ruandische Vorfahren hat und Ruanda für viele Kongolesen ein Feindbild ist, wird er außerhalb seiner Heimatregion Kivu wohl nur wenige Stimmen erhalten.

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