Politik : Ein Tag im September

Albrecht Meier

Wenn es ein Ereignis geben sollte, über das man möglichst viele Fakten, Fakten, Fakten erfahren will, dann ist es der Anschlag vom 11. September. Der "Spiegel" hat einen Teil dieser Fakten in Buchform vorgelegt. Die Stücke der beiden New Yorker "Spiegel"-Korrespondenten und ihrer Mitarbeiter sowie von elf Redakteuren und Reportern des Nachrichtenmagazins, die zum Teil schon in aktuellen Heften erschienen sind, bilden ein fesselndes Protokoll des 11. September, eine schlüssige Rekonstruktion der Planung und Durchführung des Attentats. Ein halbes Jahr nach dem Anschlag auf das World Trade Center sind allerdings viele der Ermittlungsergebnisse, die bislang weltweit zusammengetragen worden sind, in der Öffentlichkeit immer noch unbekannt. Das "Spiegel"-Buch macht aus diesem Manko keinen Hehl.

Angeblich hat sich die Welt am 11. September aufgeteilt in diejenigen, die den Schock des Ereignisses angesichts der Live-Fernsehbilder zu verarbeiten hatten, und diejenigen, die vom Einschlag der Flugzeuge in die Türme des World Trade Center nur indirekt etwas mitbekamen. Die Menschen im World Trade Center gehörten zu keiner der beiden Gruppen. An jenem Dienstagmorgen, als Mohamed Atta mit dem American-Airlines-Flug 011 um 8.45 Uhr in den Nordturm raste, war beispielsweise der Mitarbeiter einer Immobilienfirma zehn Stockwerke unter der Einschlagstelle von Trümmern eingeschlossen. Ein Studienfreund aus Chicago, der ihn am Telefon erreicht, erzählt dem Eingeschlossenen sicherheitshalber nichts davon, dass zu diesem Zeitpunkt auch im zweiten der beiden Zwillingstürme ein Flugzeug explodiert ist. Dort, im Südturm, denkt einer der Büromitarbeiter, dass schon nichts Ernsthaftes passiert ist.

Förmlich aufgedrängt

Eine Explosion? Nein, wahrscheinlich sind doch bloß die Generatoren des Turms angesprungen. Wie schwer "seine" Türme getroffen sind, ahnt der polnische Fensterputzer Jan Demczur, einer der Protagonisten dieser langen "Spiegel"-Story, zum ersten Mal, als er am Ende seiner Flucht Richtung Erdgeschoss kurz vor dem Ausgang des World Trade Center eine völlig verbeulte Stechuhr sieht, umgeben von Schutt.

Plausible Details wie dieses lassen noch einmal eine Annäherung an ein Ereignis zu, das die Psyche heute lieber in der Kategorie eines unverstehbaren Katastrophenfilms abbuchen würde. Allerdings werden in Katastrophenfilmen keine Torsos mit Anschnallgurten gezeigt, wie sie - auch eine grausige Einzelheit aus der Schilderung - nach dem Einschlag auf der Plaza vor dem World Trade Center verstreut waren. Es waren die Überreste der Passagiere aus den beiden Todesmaschinen.

Es ist eine lange Reportage, und sie ist gut geschrieben. Dazu passt, dass sich den Autoren die Hauptdarsteller förmlich aufgedrängt haben: Der Feuerwehrmann, der aus dem Fenster seines Ausbildungszentrums den brennenden Nordturm sieht. Dort arbeitet seine Frau, im 81. Stock. Die Deutsche, die eine Drei-Tage-Reise nach New York gewonnen hat und einen Besuch bei Michael Jacksons Jubiläumsshow. Am 11. September möchte sie um 8.40 Uhr auf die Aussichtsplattform des World Trade Center.

All diese Schicksale kreuzen sich an jenem Dienstagmorgen mit denen der 19 Terroristen, die in den gekaperten Maschinen sitzen. Auf der Seite des Terrors und des religiösen Wahns sind die Schlüsselfiguren nach und nach bekannt geworden, seit Nachrichtenagenturen kurz nach dem 11. September das Foto eines Mannes mit halb geschlossenen Augen und zusammengepressten Lippen veröffentlichten - Mohamed Atta, Kopf der Terroristengruppe, dessen Vater noch heute von einer Verschwörung gegen seinen Sohn spricht. Die Schilderung des Interviews mit Attas Vater, des Rechtsanwalts aus Kairo, ist übrigens schon wegen der äußeren Umstände interessant: An den Nebentischen des Schützenclubs von Kairo sitzen Menschen, die nur zum Schein Zeitung lesen - Geheimdienstler. Attas Vater behauptet bis heute, dass Amerika "den Terrorismus erfunden" habe.

Noch ist die Geschichte zum 11. September nicht rund. Sie kann es auch nicht sein, vor allem weil die amerikanischen Ermittlungsbehörden mit ihren Erkenntnissen hinter dem Berg halten. Woher kam das Geld für die Attentäter vom 11. September? In welchem Maße konnte das Netzwerk der Al Qaida ihre Verbindungsleute in Saudi-Arabien und den arabischen Emiraten aktivieren? Die Antworten stehen bis heute aus. Man geht heute davon aus, dass Osama bin Laden keine direkte Befehlsgewalt über die 19 Attentäter hatte. Das musste er auch nicht. Die Al-Qaida-Organisation dient vielmehr als Anlaufstelle für selbstmörderische Islamisten weltweit, die Geld, logistische Unterstützung und militärische Ausbildungsmöglichkeiten brauchen.

Kein Ruheraum Europa

Da auch Europa inzwischen nicht mehr nur ein bloßer Ruheraum für die Fundamentalisten ist, hätte man noch gerne mehr über den Stand der hiesigen Ermittlungen erfahren. Dass eine Frankfurter Terrorzelle, die ebenfalls in einer Verbindung zu dem Netzwerk stand, vor über einem Jahr einen Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Straßburg geplant haben soll, ist schon mehrfach geschrieben worden. Aber welche Beweise haben die Ermittler wirklich in der Hand?

Und auch die Geschichte der Opfer vom 11. September ist noch nicht zu Ende erzählt. Viele Überlebende aus den Büros des World Trade Center arbeiten heute wieder in ihrem Job. Ihre Firmen sind umgezogen. So wie die Bank of America, für die Jean Potter arbeitet, die Frau aus dem 81. Stock des Nordturms. Gegen Mitternacht wacht sie immer noch auf. Dann hat sie von Autounfällen, Flugzeugabstürzen, Bombenexplosionen geträumt.

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