Politik : Ein Tag wird befreit

DER 13. AUGUST

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Von Hermann Rudolph

Das Ritual hat sich nicht verändert. Aber ist der Gedenktag noch der gleiche? Kranzniederlegungen, Gedenkfeiern, Erklärungen wie gehabt: Aber sie hängen – so scheint es – nicht mehr so schwer, so atembeengend an dem Akt des Gedenkens, den ein Tag wie der 13. August einfordert. Täuscht man sich nicht, so vollzieht sich – 42 Jahre nach dem Mauerbau, 14 Jahre nach dem Mauerfall – so etwas wie eine Entkrampfung in unserem Verhältnis zu diesem Datum. Die Errichtung der Mauer bleibt ein Datum mit Trauerrand, die wichtigste Zäsur in der Nachkriegsgeschichte, eingeholt und überholt in ihrer Bedeutung nur durch ihre Öffnung am 9. November. Aber spürbar ist mittlerweile, dass der einschüchternde Charakter einer nationalpädagogischen Herausforderung verblasst, der diesem Tag lange sein Gepräge gab, und der Möglichkeit einer gelasseneren Sichtweise Platz macht.

Der Grund mag paradox erscheinen. Es ist das so gut wie vollständige Verschwinden des monströsen Bauwerks. Wer kann noch genau sagen, wo sie verlief? Wer kommt angesichts der längst wieder zusammengewachsenen Stadt nicht ins Vielleichtda-vielleicht-dort-Mutmaßen? Auch die Zahl der Menschen, für die sie eine konkrete Erfahrung war, wird rapide geringer. Dagegen wächst eine Generation heran, die von ihr nur noch aus den Erzählungen der Älteren und den Schulbüchern weiß.

Was alles miteinander heißt: Die Mauer ist zur Geschichte geworden, ein barbarischer Einfall der Weltgeschichte, der einmal begann und auch wieder zu Ende gegangen ist. Hinter ihr steht – wie die Geschichtsbuch-Jahreszahlen hinter einem Krieg oder einem Herrscher – : 1961 bis 1989. Ein abgeschlossenes Kapitel, allen Folgen zum Trotz, mit denen es weiterwirkt.

Es ist diese Historisierung, die uns Freiheit auch gegenüber einem Ereignis wie dem Mauerbau gibt. Und es ist diese Freiheit, die dazu beiträgt, dass Stadt und Menschen die Erinnerung an die furchtsame Enge abschütteln können, in der die Mauer sie gehalten hielt. Sie macht die Opfer der Mauer nicht ungeschehen, weder die an Leben noch die an den Lebensmöglichkeiten, die sie den Menschen in Ost und West raubte, aber es rückt sie in die barmherzige Perspektive des Gewesenen. Es öffnet den Blick auf die historische Wahrheit, dass nichts ewig dauert, auch nicht eine Einrichtung von solcher brachialer Gewalt, auch nicht Regime, die zu ihrer Existenz so etwas brauchen.

Aber dieser Wandel im Zugang zu diesem Gedenktag ist ja nur Teil einer größeren Aufgeschlossenheit für die Vergangenheit, die in den letzten Jahren spürbar geworden ist. Die Wiederkehr der Erinnerung gehört zu den erstaunlichen Ereignissen, von denen man glauben kann, dass sie eine Veränderung des öffentlichen Klimas wie der individuellen Einstellungen anzeigen. Sie ließ sich an der großen Aufmerksamkeit ablesen, die eben erst der 17. Juni auf sich gezogen hat – und die noch vor nicht allzu langer Zeit schwer vorstellbar gewesen wäre.

Und wer hätte gedacht, dass ein wahrhaftig sperriges, von Sentiments und Resentiments überwuchertes Thema wie die Vertreibung, in der alten Bundesrepublik eines der am besten gesicherten Tabus, mit einem Mal zum Gegenstand nicht nur der Rechthaberei, sondern der Anteilnahme werden würde? Oder die Bombardierung der deutschen Städte im Zweiten Weltkrieg, die immer nur ein Trauma, aber nie – mit Ausnahme der unmittelbaren Nachkriegsjahre – ein Thema öffentlicher Anteilnahme war?

Nun sind diese Vergangenheiten dabei, den historischen Horizont unserer Gegenwart mitzuprägen. Mag sein, dass daraus ein Verhältnis zu unserer Geschichte wächst, das die Enge und die Verkrampftheiten überwindet, die es in der Nachkriegszeit gekennzeichnet haben.

Um nicht missverstanden zu werden: Für diesen Zustand gab es Gründe, sehr berechtigte, öfter auch eher zweifelhafte. Die deutsche Geschichte ist – aber wem müsste man das sagen! – keine einfache Geschichte. Wir können uns die Vergangenheit auch nicht aussuchen. Wir können uns ihr auch nicht entziehen. Aber es ist unsere Sache, wie wir mit ihr umgehen. Vielleicht kann man einem Gedenktag wie dem heutigen die Fortschritte im Zurückblicken schon anmerken.

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