Politik : Ein Tag zum Abschalten

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Es ist gesellschaftlich erwünscht, dass der moderne Zivilisationsmensch sich ab und zu ein wenig kasteit. Er tut dann ein paar Wochen lang exakt das Gegenteil vom dem, was er eigentlich tun will, trinkt statt Champagner nur noch Bio-Ziegenmolke, plagt sich monatelang auf dem Jakobsweg und trägt statt Businessanzügen selbst gestrickte Pullover aus kratzender Schurwolle. Hinterher, kaum ist das demonstrative Entsagen und Verzichten vorbei, teilt er mit, er habe wieder zu sich selbst gefunden, und die Welt wäre ein besserer Platz, wenn sich alle so verhalten würden.

Voraussetzung dafür ist freilich, dass auch die richtigen Übel angepackt werden. Satan Alkohol, Dämon Business, das wäre ein Anfang. Und der Verzicht aufs Auto ist als Fastenkonzept schon weit in die gesellschaftliche Mitte vorgestoßen, jedenfalls, soweit es die Zeit von zwei bis fünf Uhr nachts betrifft. Weltweit organisierte Aktivisten wollen jetzt den entscheidenden Schlag gegen das finstere Herz der Zivilisation führen: den Computer. Das Wort gibt’s nur auf englisch, also bitte: Am 24. März ist shutdown day. Wie sieht unser Leben aus, wenn wir einen Tag ganz auf den Computer verzichten?

Immerhin: Es handelt sich um einen Sonnabend, da können die ganz wichtigen Sachen warten. Dennoch ist das Unternehmen zur Gänze nur schwer vorstellbar. Ein Tag ganz ohne das Gedröhne der Chatrooms? Ohne das Videogucken bei Youtube, das manische Zappen durch Links und Banner? Im Internet kursiert ein Filmchen, das einen schluchzenden Mann zeigt: Er hat seinen Blackberry nicht dabei – und ist ohne praktisch gelähmt. Ein Schicksal, schlimmer als der Tod.

Wir müssen uns diesen Tag so vorstellen, dass die Familie schweigend zum Frühstück zusammenkommt, Gequäke aus der Glotze überbrückt die Leere. Es stellt sich heraus, dass Essen sehr schwer ist, wenn die Tastatur zum Vollkrümeln fehlt. Die Playstation ist tabu, das macht die Kinder sauer, und was geht in der Welt vor sich? Die Familie ruft Großvater an, der sich als Einziger noch erinnern kann, wie man ein Radio einschaltet: Gähn. Jemand schlägt vor, andere Menschen zu treffen, persönlich. Gut, sagt ein anderer, aber wo drückt man drauf, um mit ihnen zu chatten?

Alle öden sich an. Es ergeht der Beschluss, eine Wanderung zu unternehmen, so, wie es die Menschen des späten 20. Jahrhunderts manchmal getan haben sollen. Mitten im Wald stellt sich heraus, dass das ohne Navigationssystem verflucht gefährlich ist. Hilfe!

Shutdown day – das ist also unmöglich. Gut, dass wir das rechtzeitig geklärt haben.

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