Politik : Ein Teller Wärme

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Russland zehn Jahre nach dem Ende der Sowjetunion - eine Serie mit Alltagseindrücken.

Volksküchen sind für die Ärmsten der Armen seit Jahren die einzige Möglichkeit, zu einem warmen Essen zu kommen. In den Großstädten haben kirchliche und karitative Organisationen ein ganzes Netz aufgebaut. Die Portionen fallen reichlich aus: Suppe, Hauptgericht, Brot, ein Milchgetränk und meist noch heißer Tee. Die Betreiber wissen, dass die meisten nur Suppe und Tee selbst essen, den Rest bekommen Ehepartner oder Enkel zu Hause. In langen Schlangen warten die Hungrigen vor den Armenküchen darauf, ihr Elend für eine Viertelstunde zu vergessen. Im Winter ist die Suppenküche für viele auch der einzige Ort, wo sie sich aufwärmen können. Besonders hart trifft es die Obdachlosen, die jeden Abend versuchen, einen Platz in einem der wenigen Heime zu ergattern. Die meisten von ihnen waren Häftlinge, deren Wohnungen das sowjetische Zwangssystem nach der Verurteilung einfach beschlagnahmte. Bei Temperaturen um minus 20 Grad, drei Monate lang tägliche Realität, wird jede Nacht für sie zum Härtetest. Spätestens um ein Uhr nachts scheucht die Miliz die Obdachlosen aus der feuchten Wärme der U-Bahnschächte. Wer den dreistelligen Code einer Eingangstür kennt, mit dem in Moskau die meisten Häuser gesichert sind, hat Chancen, die Nacht in einem Hausflur zu verbringen. Sofern Nachtschwärmer nicht die Miliz alarmieren. Denn häufig entfachen die Eindringlinge ein Feuer, um sich dann mit Wodka auch die nötige innere Wärme zu verpassen. Wenn die Flammen ihre Kleider entzünden, ist es meist auch für die Bewohner des Hauses zu spät. Gut die Hälfte aller Brände folgt jeden Winter allein in Moskau diesem Szenario.

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