Politik : „Ein Video wie ein Anschlag“

Geheimdienst-Koordinator: Al Qaida kämpft mit Hilfe der Medien – und verbindet den 11. September mit Nahost

Frank Jansen

DER 11. SEPTEMBER: ZWEI JAHRE DANACH

Sie wandeln mit ihren Waffen und Wanderstöcken durch die Berge, als gebe es überhaupt keinen Feind in der Nähe. Osama bin Laden und sein Stellvertreter, der Ägypter Aiman al Zawahiri, demonstrieren auf dem am Mittwoch vom arabischen Sender Al Dschasira ausgestrahlten Video eine Gelassenheit, die provoziert. Mit voller Absicht. „Auch das war ein Anschlag“, sagt Ernst Uhrlau, Koordinator der Nachrichtendienste des Bundes, in Berlin bei einem Vortrag am zweiten Jahrestag des 11. September. „Es war ein medialer Anschlag“, betont Uhrlau, nur habe es in Europa kaum jemand gemerkt.

Uhrlau warnt: Der mediale Kampf, den Al Qaida führe, werde „gelegentlich außer Acht gelassen“. Doch das Video wirke in der arabischen Welt wie ein Sprengsatz. Es zeige nicht nur, dass bin Laden und al Zawahiri trotz amerikanischer Militärschläge und aufwändiger Fahndung unter dem Motto „dead or alive“ immer noch leben. Die Al-Qaida-Führer hätten auch gezielt zum zweiten Jahrestag des Angriffs auf die USA mit dem Video und einem parallel ausgestrahlten Tonband den 11. September mit den Konflikten im Irak und in Palästina „verkoppelt“.

Eine Stimme auf dem Tonband – vermutlich ist es bin Laden – nennt die Namen von fünf der 19 Attentäter des 11. September und lobt die Männer: Sie hätten „dem Feind großen Schaden und dessen Pläne durcheinander gebracht“. Dann kommt al Zawahiri und ruft die arabische Jugend zum Kampf gegen Amerikaner und Israelis auf. „Verschlingt die Amerikaner, wie die Löwen ihre Beute verschlingen“, sagt al Zawahiri, „begrabt sie auf dem irakischen Friedhof.“ Und er fordert die Palästinenser auf, einen heiligen Krieg gegen Israel zu führen. „Wir werden Amerika nicht den Traum von Sicherheit träumen lassen, bis wir ihn nicht in der Realität in Palästina und allen islamischen Ländern erleben.“

Uhrlau hält Video und Tonband offenbar für echt, jedenfalls äußert er keine Zweifel bei seinem Referat auf der Tagung im Berliner Rathaus Schöneberg zum Thema „Globaler Terrorismus – Globale Bekämpfung“. Die Bänder zeigten, dass Al Qaida handlungsfähig sei und sich in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion habe reorganisieren können, sagt Uhrlau. Die Netzwerke des islamistischen Terrors sähen sich „nicht in der Stagnation, sondern in einer Phase des Optimismus“. Al Qaida und die verbündeten Gruppen erwarteten Zuspruch von der „arabischen Straße“, weil dort Anti-Amerikanismus und Anti-Zionismus zunähmen. Uhrlau entwirft dann ein düsteres Szenario: Die Bevölkerungsexplosion in den arabischen Ländern könne dem Terrorismus weiter Auftrieb geben. In 15 Jahren sei mehr als die Hälfte der Araber jünger als 25 Jahre. Uhrlau prophezeit enorme „Potenziale für Verunsicherung und Unzufriedenheit mit den Regierungen“ – und einen „selbsttragenden Prozess der Rekrutierung“ für den islamistischen Terrorismus.

Die seit dem 11. September permanent zu hörenden Warnungen vor den Gefahren des islamistischen Terrorismus scheinen jedoch die Tagung nur theoretisch zu berühren. Obwohl außer Uhrlau auch Bundesverteidigungsminister Peter Struck und US-Botschafter Daniel Coats auftreten, gibt es keine Sicherheitskontrollen. Ein Terrorist hätte, getarnt als Reporter, ohne Mühe eine Tasche voller Sprengstoff ins Rathaus Schöneberg bringen können – oder sich selbst mit einem TNT-Gürtel um den Bauch dazu setzen.

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