• Ein vierter Bundesstaat des westafrikanischen Ölstaates will das islamische Recht einführen

Politik : Ein vierter Bundesstaat des westafrikanischen Ölstaates will das islamische Recht einführen

Christoph Link

Im Bundesstaat Zamfara im Nordwesten Nigerias werden islamische Richter per Zeitungsannonce gesucht. Sie sollten ein Diplom für islamisches Recht haben und in Nigeria, Saudi-Arabien oder einem anderen asiatischen Land studiert haben, heißt es in der Ausschreibung. Trotz heftiger Kritik aus dem christlichen Süden Nigerias hat die Regierung von Zamfara im Oktober die Einführung der Scharia, des islamischen Rechts, zum Januar 2000 beschlossen. Damit soll die Kriminalität eingedämmt werden, wie der Gouverneur es begründete. 40 Gerichte sollen eingerichtet werden, bestimmte Straftaten sollen auch mit der Amputation von Gliedmaßen oder der Steinigung geahndet werden können.

Das neue Recht soll nur für Muslime angewandt werden, versichert die Provinzregierung von Zamfara. Das beruhigt die Kritiker allerdings wenig. Staatspräsident Olusegun Obasanjo stuft den Schritt Zamfaras als verfassungswidrig ein. Er und andere sehen darin eine Attacke auf den laizistischen Staat. Mit 120 Millionen Einwohnern ist Nigeria das bevölkerungsreichste Land Afrikas, 45 Prozent der Nigerianer sind muslimischen Glaubens, noch etwas höher ist der Anteil der Christen, ein Teil der Nigerianer glaubt an Naturreligionen.

Dem Beispiel Zamfaras scheinen nun andere zu folgen: die Bundesstaaten Sokoto, Kano und Yobe. In Yobe ist eine Kommission zur Einführung der Scharia gegründet worden, in Kano soll diese Woche über das islamische Recht entschieden werden. Die gleichnamige Hauptstadt Kano ist mit fünf Millionen Einwohnern die zweitgrößte Metropole Nigerias. Wird hier das islamische Recht eingeführt, hätte dies Folgen für die Stabilität des Landes, fürchten politische Beobachter. In der muslimischen Bevölkerung des Nordens gewinnt das neue Recht aber offenbar rasch an Sympathie. Besonders das Verbot von Alkohol und Prostitution sei bei den Leuten populär, berichtete ein Reporter des Senders BBC vor Ort. Paradoxerweise kam eine Sympathiebekundung für die Scharia sogar aus einer nicht-muslimischen Gruppe. Ein Sprecher des Volkskongresses der Odua in Lagos gratulierte dem Volke von Zamfara dafür, dass es sein Schicksal selbst in die Hand nehme. Nach dem gleichen Prinzip fordere er auch Selbstbestimmung für das Volk der Yoruba.

Die Spannungen zwischen Christen und Muslimen werden durch die Scharia-Einführung allerdings zunehmen. In Ilorion im Norden Nigerias war Mitte November ein Gericht von Muslimen gestürmt und demoliert worden. Die Aktion war als Sympathiekundgebung für die Scharia und den Provinzgouverneur Zamfaras gedacht, dem von einer Anti-Scharia-Gruppe der Prozess gemacht werden sollte.

Der Islam war durch arabische Händler nach Afrika gebracht worden. Da er afrikanische Wertvorstellungen und Rituale wie Polygamie, Trancetänze oder die Beschneidung akzeptierte, fand er Anklang, blieb aber lange Zeit eine Religion der Städter. Wie Ursula Günther vom Institut für Afrika-Kunde in Hamburg ausführt, hat sich im Laufe der Jahrhunderte ein eigener afrikanischer Islam entwickelt, der sich vom arabischen abhebt. Ein Grund für die Politisierung des Islam in Afrika sei die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit, die nach der Vorstellung vieler Muslime identisch sei mit dem Islam, meint Günther. Manche Religionsführer seien der Ansicht, nach der Einführung der Scharia und des "wahren Islam" breche das "goldene Zeitalter" an.

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