Politik : Ein Visum für Mohammed Atta

Malte Lehming

Am Montag war der Halbjahrestag des 11. September. In New York wurde um 8 Uhr 46 eine Schweigeminute eingelegt, in Washington sprach der Präsident - und in der Stadt Venice im Bundesstaat Florida traf Post ein. Das brisante Dokument fand sich in dem Briefkasten einer Flugschule. Dessen Chef, Rudi Dekkers, dachte an einen üblen Scherz. Doch das Schreiben war so echt wie amtlich. Die US-Einwanderungsbehörde INS, hieß es darin, habe den Flugschülern Mohammed Atta und Marwan Alshehi die benötigten Studentenvisa erteilt. Atta und Alshehi hatten am 11. September die Flugzeuge gesteuert, die in die beiden Türme des World Trade Centers in New York gerast waren. Wenn sie nicht gestorben wären, dürften sie heute erneut in die USA reisen.

Seitdem die Panne bekannt wurde, schwanken die Amerikaner zwischen Sarkasmus, Spott und Entsetzen. Am Mittwoch trat George W. Bush vor die Presse, sein Blick verfinsterte sich, die Unterlippe zitterte ein bisschen, dann sagte er: "Lassen sie es mich so ausdrücken: Ich bin stinksauer." Der Justizminister dagegen ist "extrem besorgt und erregt". Der Chef der oppositionellen Demokraten zeigt sich "absolut schockiert". Ein Kongressabgeordneter spricht von "kompletter Inkompetenz", fordert gar die Auflösung der Behörde, ein anderer meint: "Die INS ist ein Mickymaus-Verein, aber das ist wohl eine Beleidigung für alle Mickymaus-Vereine."

Die INS wiederum verteidigt die peinliche Angelegenheit, ohne es an jener Behördenfrechheit fehlen zu lassen, mit deren Hilfe aus einem Debakel die Forderung nach mehr Geld abgeleitet wird. Die Prozeduren seien offenbar reformbedürftig, wird eingeräumt, das gegenwärtige System antiquiert. Aber die beiden Visa seien im Sommer 2001 genehmigt worden. Damals habe es keinerlei Hinweise darauf gegeben, dass Atta und Alshehi Verbindungen zu Terrororganisationen gehabt hätten. Warum anschließend noch einmal sieben Monate vergingen, bevor die INS die Visa-Genehmigung der Flugschule mitteilte, erklärt die Behörde mit Überlastung und schlechter Ausstattung.

In der Tat: Erst in diesem Jahr wird die Arbeit der INS auf Computer umgestellt. Außerdem laufen die Informationsstränge zwischen FBI, CIA und Einwanderungsbehörde oft nicht zusammen. Die extrem langen Bearbeitungszeiten sind schon legendär. "Jedenfalls diskriminiert die INS niemanden bei ihren Verspätungen", sagt ein Ex-Mitarbeiter der Behörde. "Jeder wird eine Ewigkeit hingehalten, selbst die Toten."

Wer weiß? Ein weiterer Brief der INS könnte demnächst bei einer anderen Flugschule in der Stadt Norman im Bundesstaat Oklahoma eingehen. Von dort aus war im vergangenen Jahr das Studentenvisum für Zacharias Moussaoui beantragt worden. Der wurde unmittelbar nach dem 11. September verhaftet, weil er der Komplizenschaft mit den Terroristen verdächtigt wird.

Die Behörde selbst hatte in den vergangenen Tagen allerdings kaum Zeit, sich mit dem Problem zu befassen. Die gesamte Führungsspitze nahm bis Donnerstag an einer Konferenz in San Francisco teil. Als Höhepunkt wurden besonders verdiente Mitarbeiter ausgezeichent. "Für herausragende Dienstleistungen" erhielten sie eine Gratifikation und einen Tag Sonderurlaub.

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