Politik : Ein Vorbild, das nicht Beispiel sein will (Kommentar)

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Die Haushaltspolitiker der Nation müssten beim Blick auf die Leistungen der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) vor Neid erblassen. Auf der Synode von Leipzig haben die Kirchenparlamentarier den Etat der EKD verabschiedet: Um 27 Prozent ist ihr Haushalt seit 1995 geschrumpft, und sie hat das ohne größere Brüche verkraftet - eine erstaunliche Leistung für eine Institution, die wie wenig andere den Prinzipien des sozialen Ausgleichs und der Gerechtigkeit verpflichtet ist. Sparen nach dem Rasenmäherprinzip kann sich die EKD nicht leisten. Sie muss Zumutungen gegenüber Mitarbeitern, Abhängigen oder Hilfsbedürftigen sehr genau begründen - mit dem gemeinsamen Interesse. Gegenüber der Politik preist die Evangelische Kirche ihre eigene Wende zum Weniger allerdings nicht als Modell an. Wollte der Bundesfinanzminister seinen Haushalt in ähnlicher Weise entlasten, müsste er ein Vielfaches der 30 Milliarden Mark einsparen, um die er gegenwärtig ringt. Auf Unterstützung von Seiten der Synodalen kann die Berliner Koalition bei ihrem Sparkurs kaum hoffen: Viel von der Kritik, die in Leipzig an der Regierungspolitik geübt wurde, entstammte sozialpaternalistischen Vorstellungen und Ansprüchen an den Staat, die nicht der fortgeschrittenen Debatte um Sozialstaat und Sparen entsprechen. Selbst das Richtige zu tun und zugleich ähnliche Bemühungen der Politik zu kritisieren - diesen Widerspruch hat die Synode nicht aufzulösen vermocht.

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