Politik : …ein Vorbild niederkommt

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Otto von Bismarck, der kleine Trompeter, Ernst Thälmann, Konrad Adenauer – Vorbilder zu haben, war mal ganz leicht.

An wen sollen wir uns heute halten? Schiller? Gute Frisur, aber viel zu lang tot. Einstein? Von der Frisur her auch nicht schlecht, aber so richtig breitenwirksam ist die RaumZeit-Problematik ja doch nicht. Michael Jackson? Der will im Prozess zwar den Schimpansen, mit dem er lange zusammengelebt hat, aussagen lassen, dass er nicht mal Tieren auf den Leib rücke, aber da bleiben noch zu viele Fragen. Heide Simonis? Fragwürdige Frisur, aber immerhin zeigt sie, dass man, wenn man etwas unbedingt will, es auch kriegen kann, man muss nur zu Minderheiten freundlich sein. Aber nein, Politiker als Vorbild, das traut sich keiner mehr.

Wie wäre es mit: Steve Fossett. Der hat sich zum Rekordflug aufgemacht und wollte heute ankommen – wenn der Sprit reicht. Im Augenblick, da dies hier geschrieben wird, befindet er sich – Moment mal – überm Ostchinesischen Meer. Wir entnehmen das seiner Homepage, ein Vorbild hat heute eine Homepage! Ein Vorbild heute gibt selbstverständlich auch jede Menge Interviews, ohne Öffentlichkeitsarbeit geht ja gar nichts mehr. Steve Fossett hat soeben im Interview über Funk mitgeteilt: „Ich habe es hier bequem, genug Ellbogenfreiheit, ich kann alles erreichen, ich kann nicht klagen.“

Der Mann sitzt in einer Flugzeugkapsel, gegen die die Holzklasse von Aeroflot wie die First Class von Emirates anmutet. Dabei ist er Millionär, der kann sich wirklich bequemer fortbewegen. Ach was, der muss sich gar nicht mehr fortbewegen – wie gesagt, der ist Millionär, der hat seine Tücher im Trockenen. Alles selbst verdient, an der Börse (da hat er lange vor dem Boom schon investiert: ein Vorbild eben). Steve Fossett ernährt sich augenblicklich allein von Diät-Milch-Shakes, er kann sich kaum rühren, er kann nicht aufs Klo, er kann nicht richtig schlafen, er ist allein, es ist höllenlaut. Und er klagt nicht! Er freut sich, dass er alles erreichen kann!

Steve Fossett ist von Beruf Rekordeaufsteller, derzeit in einem topmodernen, extrem sparsamen Flugzeug unterwegs um die Erde, ohne Zwischenstopp. Das ist eigentlich sinnlos, denn so was haben vor fast 20 Jahren schon mal zwei Piloten geschafft – aber das waren eben zwei. Steve Fossett tut’s allein. Eine Ich-AG der Lüfte, international operierend.

Bei uns tun sich die Arbeitslosen zu einem „Heer“ zusammen, hoffen auf sinnvolle Jobs im eigenen Land und fahren, wenn überhaupt, spritsaufende Uraltautos. Andererseits … wenn die jetzt alle losflögen … 5,2 Millionen Steve Fossetts wären zwar kein deutsches Problem mehr, aber ein globales allemal. dae

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