Politik : Ein weiter Weg

Blair will Chirac von seinem Antikriegskurs abbringen – und ihn für eine zweite Resolution gewinnen

Matthias Thibaut[London]

Tony Blair hat die diplomatische Offensive am Montag per Telefon gestartet, um schon einmal Stimmung für sein Gipfeltreffen mit Frankreichs Staatschef Jacques Chirac an diesem Dienstag zu machen. Der Kampf des britischen Premiers um eine neue Irak-Kriegsresolution in den UN hat begonnen. Blair ist optimistisch. „Wait and see“, hatte er schon auf dem Rückflug von seinem Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten erklärt, „es wird eine zweite Resolution geben“. Doch man muss nur Blairs sorgenzerfurchtes Gesicht sehen, um zu wissen, wie viel auf dem Spiel steht. Werden sich die Europäer in der Irak-Frage doch noch zusammenraufen? Oder wird in dem einst mondänen Badeort Le Touquet an der Atlantikküste der Graben zwischen der „Anglo-Sphäre“ und dem „alten Europa“ von Verteidigungsminister Rumsfeld tiefer denn je zutage treten? Der amerikanische Präsident hat seinem britischen Freund freie Hand und ein paar Wochen Zeit gegeben. Blair, nicht Bush, braucht diese Resolution.

Ohne den Segen der UN wird es ihm schwer fallen, die Unterstützung der britischen Bevölkerung und der Labour-Partei für einen Krieg zu gewinnen. Viel steht aber auch für Chirac auf dem Spiel. „Will Chirac wirklich den Ruf der Vereinten Nationen und damit seinen eigenen Einfluss aufs Spiel setzen?“, fragt ein britischer Diplomat. Würden die Amerikaner mit ihrer „Koalition der Willigen“ am Ende ohne UN-Mandat in den Krieg ziehen, hätte Frankreich nach dieser Lesart nur seinen fehlenden Einfluss demonstriert. „Blair und Chirac brauchen einander“, ist das Motto in der Downing Street. „Am Ende wird Chirac zu dem Schluss kommen, dass Saddam Hussein eine wirkliche Gefahr ist“, sagte Labour-Generalsekretär John Reid. Wie Mitterand 1991 werde Chirac schon im letzten Moment noch auf den fahrenden Zug aufspringen.

Diplomaten haben für alle Fälle ein Erfolgspäckchen für den Gipfel geschnürt: Schüleraustausch, Grenzkontrollen, enge Zusammenarbeit bei der Terrorismusbekämpfung und eine Initiative im Bereich der gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Aber die Liste der Irritationen im anglofranzösischen Verhältnis ist länger geworden, seit Blair und Chirac sich im Herbst über die Agrarpolitik in die Haare gerieten.

Kaum hatten Schröder und Chirac in Versailles die Differenzen gegenüber London in der Irak-Krise hochgespielt, kam die französische Einladung für Simbabwes Diktator Mugabe nach Paris – einen Tag nach Auslaufen der zur Verlängerung anstehenden EU-Sanktionen. Das hat nicht nur London, sondern die gesamte EU kalt erwischt.

Der Brief der acht Europäer, vom Wall Street Journal angeregt, aber von Blairs Spin-Doktor Alistair Campbell für die europäische Presse choreographiert, war so etwas wie ein diplomatischer Befreiungsschlag für Blair. Plötzlich sah nicht er, sondern sahen die Franzosen isoliert aus. Aber im tiefen Herzen bleibt in London die Angst vor einer neuen „Chirac-Doktrin“. Was, wenn der französische Präsident wirklich mit seinen „gaullistischen Träumen“ ernst macht und Europa unter französischer Führung als neuen Machtblock sieht, der die amerikanische Dominanz in Schach halten soll? Dann wäre Tony Blairs amerikanisch-europäischer Balanceakt gescheitert – und mit ihm, für lange Zeit, Europas „gemeinsame Außenpolitik“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben