Ein Weltkulturerbe verfällt : In der Unesco-Stadt Neapel verrotten die Kirchen

Viele Kirchen in der Unesco-Stadt Neapel sind nur noch moosbewachsene Ruinen. Doch wenige interessieren sich dafür. Dabei ist es gelebte Geschichte.

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Im Jahr 2012 gab ein Feuer dem maroden „Heiligen Tempel der Scorziata“ den Rest.
Im Jahr 2012 gab ein Feuer dem maroden „Heiligen Tempel der Scorziata“ den Rest.Foto: Sergio Siano

Durch den Bauzaun, hinter dem keiner baut, führt eine Blechtür. Sie quietscht. Der Begleiter drängt zur Eile. Hier darf eigentlich niemand rein. Der Innenhof ist voll mit verbogenen, rostigen Gerüsten, in hohen Halden liegen verwitterte Latten und Balken wüst durcheinander. Das könnte einmal der Dachstuhl gewesen sein. Es riecht streng nach Moder und nach den Dutzenden halb abgebrannten Partyfackeln, die an Neapels lauen Sommerabenden die kleine Piazza vor der Tür in so romantisches Licht tauchen. Nebst ansässiger Pizzeria, die diese Fackeln hier kurzerhand mit dem Rest ihres Gerümpels entsorgt. Verwegene Holzkonstruktionen halten hohe, leere Bogenfenster aufrecht – wer weiß, wie lange noch. Dick hat sich das Moos der Wände und der bröckelnden Treppen bemächtigt, aus den Dachrinnen wächst üppig grüner Farn.

In einer Ecke: ein verwaschenes Fresko. Mit Mühe sind betende Figuren vor einem steilen Berg zu erkennen, womöglich der Vesuv? Wenn man näher ... „Vorsicht!“, ruft der Begleiter und zeigt auf das Loch, das durch den wackeligen Balkon zwei Stockwerke hinunter und scheinbar direkt ins Nichts führt. Auf die Bretter, die teilweise drüberliegen, will man sich lieber nicht verlassen. Doch anders ist nicht zu sehen, was mit dem „Heiligen Tempel der Scorziata“ passiert ist. Denn hinein in die Kirche führt kein anderer Weg mehr als dieser: durch ein Nachbargebäude hinauf und rüber auf den Balkon.

Mutwillige Zerstörung

Seit gut 400 Jahren steht diese Kirche mitten in Neapel. Frauen aus dem Adel – darunter der Familie Scorziata – hatten sie als Mittelpunkt eines Schwesternkonvents und Wohnheims für Arme gebaut. 140 Zimmer christliche Wohltätigkeit, kommunal weiterbetrieben bis 2007, bis die Zwischendecken einstürzten wie bei einem Erdbeben und die letzten Senioren so hastig ausquartiert werden mussten, dass hier noch eine Brille auf der Anrichte liegt, dort ein Mantel über dem Stuhl hängt und neben der Kochplatte die angebrochene Nudelpackung steht.

Und die Kirche selbst? Durch die verstaubten Läden im Obergaden sieht man die mutwillig zerschlagenen Marmorreste eines bildleeren Hochaltars. In den Nischen, früher von Heiligenstatuen und Seitenaltären überbordend gefüllt, das blanke Nichts. Gestohlen die Weihwasserbecken, geklaut die goldgerahmten Werke berühmter neapolitanischer Barockmaler: Solimena, Stanzione. Verschwunden mit dem Marmorboden das ganze fromme Mobiliar. Von eindringendem Wasser heruntergewaschen der Stuck, der Boden eine einzige Schutthalde. Was noch nicht kaputt war, das hat im Januar 2012 ein Feuer vernichtet, das Jugendliche vor den fünfhundert Jahre alten Türen entzündet hatten.

Flächendeckender Kunstverfall

Auch wenn das Portal zur einsturzgefährdeten Scorziata heute mit Zaun und Stahlstützen verrammelt ist, geht das Zerstörungswerk weiter: Neapels Müllabfuhr hat – weil ohnehin keiner mehr durch diese Tür geht – fünf stählerne Abfallcontainer davor platziert. Diese rollen und knallen und kratzen unaufhörlich gegen die Fassade, die aus dem so stadttypischen grauen Piperno-Tuff gehauen ist. „Wir haben’s ihnen schon so oft gesagt“, stöhnt draußen auf dem kleinen Platz ein Anwohner. „Sie müssten sie einfach nur auf die andere Straßenseite stellen. Aber darum kümmert sich keiner.“

Die Scorziata mit den wenig ehrfürchtigen Müllcontainern davor ist nur eines von vielen Beispielen für einen flächendeckenden Kunstverfall in Neapels Innenstadt. Dort, wo das Straßennetz immer noch dasselbe ist wie in der Antike, wo die Stadtgründer vor 2500 Jahren, die alten Griechen, ihre zentrale Agorà und die Römer danach ihr tempelumstandenes Forum hatten, wo die Welt – laut Unesco – „einen Reichtum ohnegleichen, eine unglaubliche Schaubühne an Kunst, Geschichte und urbanistischer Ausdruckskraft“ geerbt hat, geht mehr als die Hälfte der Kirchen zugrunde. 203 sakrale Gebäude listet die Erzdiözese Neapel für das historische Stadtzentrum auf. Als „aktiv“

sind nur 79 Kirchen gekennzeichnet. Bei sechs steht „in Restaurierung“, und beim Rest: „geschlossen“, „verlassen“, „zugemauert“, „nicht mehr zu erkennen“.

Manche Kirchen wurden Garagen

Einige der großenteils aus dem Barock stammenden Kirchen sind zu Garagen geworden, in anderen haben sich – mal legal, mal illegal – Geschäfte und Wohnungen breitgemacht. Bei 26 weiß man nicht einmal, wem sie gehören. Andere sind gleich ganz aus dem Inventar gestrichen. Die kleine, altehrwürdige „Santa Maria ad Agnone“ beispielsweise, mit fast zwölfhundert Jahren eines der ältesten Gotteshäuser Neapels. Im Zweiten Weltkrieg hat sie schwere Bombenschäden davongetragen, in den Kratern kam aber auch ans Tageslicht, dass sie auf den Waschräumen einer griechisch-antiken Sportarena gebaut worden war.

Heute wuchern Dornen- und Kletterpflanzen alles zu. Die unmittelbar neben einer Schule bröckelnde Fassade dient Anwohnern als Halt für ihre Wäscheständer, und verriegeln muss diesen Kirchenraum heute auch keiner mehr: Seit vor ein paar Jahren die Kuppel eingestürzt ist, liegt der Innenraum so hoch voller Schutt, dass durch den schmalen Türschlitz nicht mal mehr ein Fotoapparat passt.

Christus, vom Kreuz gefallen und verschmutzt

Paolo Barbuto ist Redakteur der neapolitanischen Tageszeitung „Il Mattino“. In dreißig Reportagen und dem daraus entstandenen, drastischen Buch hat er sich als Erster der verfallenden Kirchen angenommen. Über Gesimse, durch Abwasserkanäle, zwischen Müllbergen und knöcheltief im Taubendreck watend hat er sich Zugang zu Gebäuden verschafft, in denen häufig seit Jahrzehnten keiner mehr war und die heute keiner mehr besucht. Er erzählt von mumifizierten Katzen, die wie Wächter vor einstigen Tabernakeln hocken, von Unterkirchen, in denen aus verfallenden Särgen die Gebeine ragen, von einem Christus, der vom Kreuz gefallen, im Dreck versunken ist und – ohne Arme und Beine, den Todesschmerz auf dem geschnitzten Gesicht – einen noch viel dramatischeren Eindruck macht als jemals zuvor.

Barbuto erzählt von Dieben, die skelettierten Bischöfen den Hals umdrehen und die Hände brechen, nur um an ihren Schmuck zu kommen, und von anderen, die gleich mit Kränen und Lastwagen vor verlassene Kirchen gefahren sind, um Marmorkunst, Altäre oder kostbar geschnitztes Chorgestühl fachmännisch – „wohl auf konkrete Bestellung“ – zu demontieren und abzutransportieren.

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