Politik : „Ein Weltvertrag ist die Lösung“

Was lehrt uns der Marshallplan?



Querfinanzierung und Investitionshilfe müssen an Bedingungen für ein vernünftiges institutionelles Design gekoppelt werden. Oder: Regeln kann nur haben, wer zur Querfinanzierung bereit ist.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Nehmen Sie den Reichen, der von Kinderarbeit profitiert, aber so tut, als ob er sie nicht wolle. Der Arme besteht darauf mit dem Argument, dass die Kinder sonst verhungern. Der Reiche muss querfinanzieren, dass die Kinder des Armen zur Schule können, um mit ihm einen Vertrag zu schließen, der Kinderarbeit ausschließt.

Warum wollen Sie einen globalen Plan?

Der Globus hat erdrückende Probleme: die Explosion der Weltbevölkerung, das Klima, zunehmende Armut mit Rückwirkung auf die reichen Länder. Wenn wir dies in den Griff kriegen möchten, kann die Lösung nur ein fairer Weltvertrag sein, der die Globalisierung der Wirtschaft übersetzt in eine Globalisierung der sozial-ökologischen Regelwerke.

Wie wollen Sie das erreichen?

Die Staaten müssen nur zustimmen, dass sie die Prinzipien einhalten, die sie woanders beschlossen haben. Und die Welthandelsorganisation muss beschließen, dass nur Produkte gehandelt werden, bei deren Entstehung Kernstandards der Internationalen Arbeitsorganisation und Kernumweltstandards beachtet wurden.

Wer soll die Verantwortung für einen solchen Vertrag übernehmen?

Die WTO bei der Handelsseite und der Internationale Währungsfonds sowie die Weltbank bei der Finanzierungsseite.

Dafür brauchen Sie die Amerikaner.

Falls es daran scheitert, könnten die Europäer einen eigenen Marshallplan aufstellen, nur für Afrika. Afrika ist das größte Einzelproblem, ein Problem, das die Europäer alleine lösen können – und wovon sie die größten Vorteile hätten.

Die Amerikaner sind Ihr Vorbild – und können Ihrer Initiative wenig abgewinnen ... Man kann an eine Vergangenheit anknüpfen, auch wenn es heute Probleme gibt.

Der Marshallplan war erfolgreich. Ist es schwieriger, heute Ähnliches zu erreichen?

Unendlich schwieriger. Die weltweiten Probleme sind gigantisch.

Was ist mit Rechtsstaat und Demokratie?

Das ist sehr wichtig. Wir sagen: Standards gegen Investitionen – doch müssen die Standards nicht zuerst geschaffen werden. Denn dafür braucht man ebenfalls viel Geld. Wir schätzen: zusätzlich hundert Milliarden Dollar im Jahr.

Wer soll das finanzieren?

Es reicht, wenn die reichen Länder 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts zahlen.

Aber das tun sie nicht.

Daher wollen wir globale Transaktionen besteuern: über eine Kerosinsteuer, eine Welthandelsabgabe oder die Besteuerung von Finanztransaktionen.

Franz Josef

Radermacher
,

Professor für Informatik an der Uni Ulm und Mitglied im Club of Rome, ist einer der Begründer des „Global Marshall Plans“. Mit ihm sprach Juliane Schäuble.

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