Ein Zwischenruf zu Griechenland : Es ist gut, dass die Griechen wählen

Europa sorgt sich um den Ausgang der Wahl in Griechenland. Unsere Kolumnistin erklärt, warum es gut ist, dass das Land bald wählt.

Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".
Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".Foto: Mike Wolff

In wenigen Wochen wird in Griechenland gewählt. Viele Griechen wollen offenbar den Linksausleger Alexis Tsipras wählen, der ihnen neue Jobs, mehr Gehalt, mehr Rente verspricht. Außerdem will er die Staatsschulden des Landes nicht mehr bedienen. Viele Europäer warnen vor diesem Wahlgang. Sie fürchten, dass Griechenland in eine Katastrophe steuert. Sie mahnen, dass Europa eine neue Griechenkrise möglicherweise doch nicht verkraftet.

Nach einem Grexit wäre eine Anpassungskrise unvermeidlich

Sie sorgen sich mit gutem Grund. Und doch ist es richtig zu wählen. In Griechenland geht es um eine Weichenstellung für die kommenden Jahrzehnte.
Bisher hatten die Griechen das Gefühl, Opfer Europas und eines gehässigen Reformplans zu sein. Nach dieser Wahl sind sie keine Opfer mehr. Wählen sie die etablierten Parteien, gehen sie den Reformweg weiter. Entscheiden sie sich für Tsipras, gehen sie einen neuen Weg. So geht Demokratie.
Bisher konnte man von den Vorteilen Europas profitieren, sich aber gleichzeitig klar von den Zielen der EU distanzieren. Diesem Modell verdanken radikale Parteien in vielen europäischen Ländern ihren Aufstieg, auch die AfD. Es kostet ja nichts, dagegen zu sein.

Die Euro-Gegner wären endlich gezwungen, Farbe zu bekennen - auch die AfD

Am 25. Januar kann sich das ändern. Die Gegner des Euro-Rettungsapparats müssten zum ersten Mal für ihre politischen Ziele und Versprechen einstehen – denn die Neigung der anderen Länder der Euro-Zone, sich wie bisher erpressen zu lassen, liegt bei null. Auch der Finanzmarkt ist stabiler geworden. Griechenland könnte wahrscheinlich die Euro-Zone verlassen, ohne dass die Schuldenkrise auf andere Länder übergreifen würde.
Die Griechen müssten selbst die Konsequenzen für die unvermeidliche Anpassungskrise tragen: eine drastische Abwertung ihrer Währung, den Rückfall in die Rezession, noch mehr Firmenpleiten und Arbeitslose. Immerhin könnten sie sich später die Erholung der Wirtschaft zugute schreiben. Auch für die Europagegner in den anderen Ländern wäre es eine Botschaft: Man muss damit rechnen, dass man in die Verantwortung gewählt wird. So geht Demokratie.

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