Politik : Eindämmung der Kampfzone

Von Clemens Wergin

Clemens Wergin

Dieser Krieg endet wie fast alle Nahostkriege. Bevor Israel zu viel siegt, wird es von der internationalen Gemeinschaft zum Waffenstillstand gezwungen. Allerdings ist nach diesem Krieg einiges anders als früher. Israel steht zwar am Fluss Litani, hat viele Hisbollah-Kämpfer getötet, (teure) Abschussbasen für Langstreckenraketen zerstört und die Terrormiliz von der Grenze vertrieben. Und doch ist es unklar, ob Jerusalem wirklich gesiegt hat. Nicht nur der Hisbollah-Sender Al Manar behauptet, dies sei der erste Nahostkrieg, den Israel verloren hat.

Einige Verlierer dieses Krieges stehen jedenfalls schon fest: die Menschen im Libanon, besonders im Süden, und in Nordisrael. Weiteres wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen. Wenn es der libanesischen Armee und der UN-Truppe tatsächlich gelingt, die Terrormiliz von Israels Grenze fernzuhalten, wäre das ein Niederlage für Hisbollah, die im Süden des Libanon und Teilen Beiruts wie ein Staat im Staate agierte und sogar Steuern eintrieb. Es wäre auch eine Niederlage Teherans. Denn dann hätte Iran seine „direkte“ Grenze zu Israel verloren und damit die Fähigkeit, die Situation dort nach Belieben eskalieren zu lassen.

Deshalb wird im iranischen Machtapparat schon Kritik an den Revolutionswächtern geübt, den Führungsoffizieren der Terrorgruppe. Sie hätten Hisbollah zu früh von der Leine gelassen, noch bevor der Streit ums Atomprogramm ein wirklich kritisches Stadium erreichte. Diesen Joker wird Iran so schnell jedenfalls nicht mehr spielen können. Das Waffenarsenal der Hisbollah ist deutlich dezimiert. Und nun werden sich auch im Libanon wieder jene Stimmen erheben, die schon am Anfang des Konfliktes fragten, wem eigentlich die Loyalität der Hisbollah gelte: Dem Iran und Syrien oder dem Zedernstaat.

Hisbollah zwang dem Libanon einen Krieg auf, ohne die Libanesen um Erlaubnis zu fragen – und hat damit auch die Zerbrechlichkeit des politischen Systems offenbart. Letztlich hängt sowohl Israels Sicherheit als auch die Zukunft des Libanon davon ab, ob Hisbollah nun endlich zur politischen Partei mutiert, was sie schon nach Israels Abzug aus dem Libanon im Jahr 2000 hätte tun sollen. Oder ob ihr ideologischer Fanatismus so groß ist, dass sie an der Zerstörung Israels festhält.

Dann wäre dies nur der erste einer neuen Reihe von Nahostkriegen gewesen, bei denen die Panislamisten vom Schlage des Iran, der Hisbollah und der Hamas erneut versuchen, woran die Panarabisten einst gescheitert waren: die Zerstörung Israels. Diese neuen Gegner machen sich diesmal aber alle Vorteile der asymmetrischen Kriegsführung zunutze. Ihnen kommt es weder darauf an, ihre Bevölkerung zu schützen noch Territorium zu sichern. Sie wollen nur möglichst viel Zerstörung anrichten und feiern deshalb schon die Tatsache als Sieg, dass ihre Miliz nicht gänzlich zerstört wurde.

Im Libanon hat sich erneut gezeigt, was wir seit dem 11. September 2001 wissen: Dass die heutigen Konflikte zwischen Zonen der Stabilität und Zonen der Unordnung ausgetragen werden. Deshalb steht bei der UN-Mission mehr auf dem Spiel als Ruhe an der libanesisch-israelischen Grenze. Wie in Afghanistan, im Irak oder in Kaschmir entscheidet sich hier, ob die Weltpolitik in den nächsten Jahrzehnten von islamistischen Faschisten bestimmt wird und ihrem zerstörerischen Todeskult. Dem Iran, der Hisbollah, Hamas und Al Qaida ist an einer Ausweitung der Kampfzone gelegen. Sie einzudämmen ist schwierig – aber nicht unmöglich.

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