Politik : Eindeutig unentschieden

Cheney schlägt sich besser als Bush. Doch im TV-Duell der Vizekandidaten gelingt auch Herausforderer Edwards ein starker Auftritt

Malte Lehming[Washington]

Es ist Wahlkampf in Amerika. Da bleibt die Wahrheit oft auf der Strecke – und der Anstand. Die „Washington Post“ zitierte kürzlich aus dem Leserbrief einer Anhängerin von John Kerry. Die lobte dessen Redekunst bei der ersten präsidialen TV-Debatte in den höchsten Tönen. Jedoch war der Brief, abgesandt per E-Mail, Stunden vor Beginn der Debatte eingegangen. Beide Lager greifen zu solchen Methoden.

Am Dienstag diskutierten die Vizes, Dick Cheney und sein demokratischer Herausforderer John Edwards. Sie saßen Ellenbogen an Ellenbogen an einem Tisch. Es war ihr einziges Fernsehduell. Scharf, mitunter aggressiv, gingen sie einander an. Es ging um Fragen des Charakters. Cheney warf dem Kerry-Team Opportunismus, Faulheit und das Verbiegen von Fakten vor. Edwards hielt der Bush- Regierung vor, die Amerikaner fortgesetzt hinters Licht zu führen. Er bemühte sich, Cheney als den Chefideologen einer gescheiterten Politik zu entlarven.

Wer hat gewonnen? Wer eine Antwort darauf sucht, orientiert sich an Blitzumfragen. Doch die wichen Dienstagnacht stark voneinander ab. Der Sender ABC gab die Runde klar an Cheney, bei der konservativen Konkurrenz von „Fox News“ lag Edwards vorn. Viele Medien rufen ihre Konsumenten dazu auf, sich an solchen Abstimmungen zu beteiligen. Doch das tun auch die beiden Wahlkampflager. Noch vor der Debatte der beiden Vizes in der Case Western Reserve Universität in Cleveland, Ohio, verschickten sie an ihre Anhänger E-Mail-Adressen und Telefonnummern aller Medien, die Blitzumfragen durchführen. Die Stimmung soll gezielt manipuliert werden.

Verlass ist einzig auf den gesunden Menschenverstand. Und der sah das: Kühl, schneidend, manchmal schnippisch führte Cheney die Ungereimtheiten Kerrys vor. Der stimmte im Kongress für den Irakkrieg, dann gegen dessen Finanzierung, vor kurzem stand er noch fest zu seinem Pro-Kriegs-Votum, nun sagt er, es sei ein „falscher Krieg, am falschen Ort, zur falschen Zeit“, und trotzdem will er als Präsident die Verbündeten dazu bewegen, mehr Truppen in den Irak zu entsenden. Das verstehe in der Tat, wer will. Das Prädikat des „Flipfloppers“, des Wendehalses, wird Kerry nicht los.

Edwards punktete beim Vorwurf der Realitätsverdrängung. Völlig uneinsichtig zeigt sich die Regierung. Der Krieg war richtig, wir machen täglich Fortschritte: Gegen alle Evidenz wird das Mantra wiederholt. Doch wo sind die Massenvernichtungswaffen, die Verflechtungen zwischen Saddam Hussein und Osama bin Laden, die Blumen, mit denen die US-Truppen als Befreier begrüßt werden? Missmutig weicht Cheney solchen Frage aus. Die Welt sei sicherer, seit Saddam im Gefängnis sitze, sagt er. Punktum. Auch die Zahl der Selbstmordanschläge in Israel sei zurückgegangen.

Cheneys Ziel war es, Kerry zu attackieren, um den Jäger wieder zum Gejagten zu machen. Edwards musste einerseits Kerry in Schutz nehmen, andererseits griff er frontal Cheney an – Stichwort: Halliburton –, um diesen zu zwingen, sich selbst zu verteidigen. Beide hatten Erfolg. Cheney war weitaus besser als Bush in dessen erster Debatte. Edwards zerstreute Bedenken, er sei fürs ernste politische Geschäft zu jung und unerfahren. Das Duell der „running mates“ veränderte weniger, als beide Lager gehofft hatten. Ausgang: zehn zu zehn.

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