Politik : „Eine andere Welt“ Die ehemalige Gefängnispsychologin Susanne Preusker

über Menschen und Stimmungen an dem Ort, der ihr selbst zum Schicksal wurde – ein Frauenmörder, den sie therapiert hatte, nahm sie als Geisel.

Foto: privat Foto: SWR/Alexander Kluge
Foto: privatFoto: SWR/Alexander Kluge

Sie haben vor knapp 20 Jahren in der JVA Celle begonnen, im Gefängnis zu arbeiten. Wie waren Ihre ersten Eindrücke?

Nach zwei Stunden war für mich klar: hier bleibe ich nicht. Der Kontrast zu dem, was ich sonst aus der Psychiatrie kannte, konnte größer nicht sein. Die Mauern, das ewige Schließen und Entriegeln, der paramilitärische Ton. Ich war eine der ersten Frauen, die dort als Psychologin im Männervollzug arbeitete. Die Anfänge waren enorm schwierig, aber es hat sich dann alles anders entwickelt. Man braucht Humor und Neugier, um mit diesem „System“ Gefängnis klarzukommen. Beides hatte ich. Und fand dann alles total spannend.

Was hat Sie daran angezogen?

Es war eine extrem andere Welt. Eine, die ich nur aus dem „Tatort“ kannte. Es gab alles: Unglaubliche Brutalität, weniger im Handeln, mehr im Denken; es gab sehr einfache Menschen, die kaum wussten oder begriffen, warum sie da waren und wie sie den Alltag bewältigen sollen. Es gab unglaubliches Unglück von im Prinzip netten, auch klugen Menschen. Es gab Menschen, die sich bewusst für Kriminalität entschieden haben. Ich habe schnell gemerkt, dass es den Straftäter nicht gibt.

Was erschien Ihnen prägend für das Miteinander der Gefangenen?

Das Gefängnis ist eine Organisation, die Menschen in zwei Klassen teilt: Die, die einsperren, und die, die eingesperrt werden. Die Eingesperrten sind solidarisch miteinander gegen alle, die einen Schlüssel haben. Die vorherrschende Stimmung ist: Der Vollzug ist Mist, die Bediensteten sind blöd, und das Essen ist mies. In dieser heterogenen Gruppe bilden sich dann wieder Schichten heraus. So einfach, dass der Kinderschänder immer ganz unten steht und der Betrüger ganz oben in der Knasthierarchie, ist es aber nicht. Entscheidend ist die Persönlichkeit und die Bereitschaft, sich unter den widrigen Bedingungen an das System anzupassen, sich durchzusetzen und vielleicht selbst andere zu unterdrücken. Auf Muskelkraft kommt es auch an, aber weniger. Wichtig ist eher noch so etwas wie Networking.

Welchen Stellenwert hat die eigene Straftat für die Identität im Knast?

Es gibt da wenig Regeln. Wenn jemand als Kinderschänder ins Gefängnis kommt, sollte man denken, der hat keinen guten Stand. Aber es gab da etwa den Fall eines Mehrfachmörders, der Kinder aus sexuellen Motiven getötet hatte. Er ging hocherhobenen Hauptes durch das Gefängnis mit dem Gestus, der Schönste und der Klügste zu sein, dem keiner was anhaben kann. Und der hatte dann auch nichts auszustehen. Wenn jemand ein paar Jahre sitzt, wird es immer weniger wichtig, was er getan hat.

Was hat sich im Vollzug verändert in den Jahren, die Sie im Gefängnis tätig waren?

Der Effizienzgedanke hat Einzug gehalten, Gefängnisse sollten wie Unternehmen gemanagt werden, mit Kennzahlen und Budgetierung. Es hat sich auch die Haltung herausgebildet, dass sich mit therapeutischen Maßnahmen Kriminalität wirklich eindämmen lässt. Verändert haben sich aber auch die Ansprüche der Gefangenen. Ich kann mich noch erinnern, wie die Frage, ob jemand einen Waschhandschuh haben darf, die Gerichte beschäftigte. Heute sind wir da in einer anderen Liga. Es geht um Internetzugang und Playstations. Viele Gefangene fordern auch die ersten Vollzugslockerungen, etwa Freigang, kaum haben sie das Gefängnis betreten. Ich sehe das kritisch. Niemand ist im Gefängnis, weil er ein rostiges Fahrrad in die Elbe geworfen hat. Gerade Leuten, die zu langen Strafen verurteilt wurden, sollte klar sein: Freiheitsentzug heißt so, weil dabei Freiheit entzogen wird.

Und wie steht es um die Bediensteten?

Der Anteil von Frauen ist gewachsen. Gestiegen ist vor allem aber die Arbeitsbelastung, weil von allen Seiten Ansprüche an die Beschäftigten herangetragen werden und tatsächlich auch qualitativ hochwertige Arbeit geleistet wird. Paradoxerweise ist das Ansehen des Berufes zugleich aber gesunken. Früher war die Beschäftigung in einer JVA noch etwas Ehrenwertes, heute hat man eher Mitleid. Es gibt wenig Anerkennung, von den Behörden nicht und von der Gesellschaft schon gar nicht.

Wie sieht Ihre Vorstellung von einem idealen Gefängnis aus?

Es spräche viel dafür, nicht den gesamten Vollzug nur durch eine psychiatrisch-therapeutische Brille zu sehen. Man könnte zudem ein paar handfeste Dinge ändern, etwa die Rundumversorgung abschaffen, eine Arbeitspflicht einführen und dafür auch angemessenes Entgelt zahlen. Umgekehrt wäre es richtig, die Gefangenen an den Haftkosten zu beteiligen. Viele wissen irgendwann nicht mehr, was ein Viertelpfund Butter kostet. Ich würde auch Vollzugslockerungen daran knüpfen, dass an die Opfer Entschädigungen gezahlt werden. Seit ich selbst Opfer einer Straftat geworden bin, weiß ich, was das an Geld kosten kann.

Das Gespräch führte Jost Müller-Neuhof.

Susanne Preusker

leitete bis 2009

die Sozialtherapie

für Sexualstraftäter

in der JVA Straubing. Nach dem Überfall schrieb sie einen

Erlebnisbericht. Heute arbeitet sie als Autorin.

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