Politik : Eine Ausnahme für immer Von Maren Peters

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Diese Weltmeisterschaft war nicht nur für die Mannschaft von Jürgen Klinsmann ein Erfolg. Sie hat auch gezeigt, wie weit, wie undogmatisch und wie schnell sich dieses Land in ganz anderen Bereichen bewegen kann, wenn es darauf ankommt. Wer vor oder nach den Abendspielen der Fußballer eine Deutschland-Fahne, Bier, Grillwürstchen oder auch nur Milch kaufen wollte, der konnte das tun – in ganz normalen Supermärkten. In manchen sogar bis Mitternacht. Vor den Augen der Welt hat Deutschland bewiesen, was es heißt, ein guter Gastgeber zu sein – weltoffen, fröhlich und modern. Es hat den Gastgebern Spaß gemacht, so viel steht fest. Deutschland hat in diesen Wochen auch Urlaub gemacht von seinem völlig veralteten Ladenschlussgesetz. Das hat auch Spaß gemacht. Besser noch: Es war ein Urlaub, der ein Abschied zu werden verspricht.

Das Ladenschlussgesetz ist vor fast 50 Jahren als Arbeitsschutzgesetz eingeführt worden, ein Verbrauchergesetz war es nie. Jahrelang wurde der Ladenschluss von mittelständischen Einzelhändlern und Gewerkschaften verteidigt, um Wettbewerb zu verhindern und die Arbeitszeiten zu begrenzen. Er wurde von den Kirchen geschützt, die den Generalangriff auf den Sonntag fürchteten. Was anfangs noch ein ernsthafter und richtiger Streit um ernste Dinge war, wurde schnell zum Symbol für den Kampf zwischen Beharrung und Moderne in Deutschland. Das Ladenschlussgesetz wurde an allererster Stelle angeführt, wenn der Nachweis geführt werden musste, wie piefig, unfroh und konsumverweigernd der Deutsche ist.

Und jetzt wird das Ladenschlussgesetz offenbar ohne großes Aufsehen kassiert. Zwölf der 16 Bundesländer haben schon angekündigt, die Ladenöffnungszeiten werktags komplett freizugeben, nachdem der Bundesrat mit der Verabschiedung der Föderalismusreform den Weg dafür am vergangenen Freitag frei gemacht hat. Nur der Sonntag bleibt als Ruhetag tabu. Das ist richtig.

Der Kampf um den Ladenschluss und sein absehbares unspektakuläres Ende sind – eine Parabel auf das Land? Ein bisschen schon. Verbissen wurde jahrzehntelang um Stunden, halbe Stunden und Minuten gekämpft. Studien und Expertisen wurden angefertigt, in denen es um Umsatzwachstum, Kosten und Überstundenzuschläge ging. Und dann, im Sommer 2006, zeigt die Praxis, wie einfach es auch sein könnte: Die Geschäfte, für die es sich lohnt aufzuschließen, schließen auf. Und die anderen lassen es bleiben.

Ob Krankenschwester, U-Bahnfahrer, Schichtarbeiter oder PR-Berater: Viele Menschen arbeiten nicht mehr starr von 8 bis 17 Uhr. Sie werden künftig nicht an verschlossenen Ladentüren rütteln müssen, wenn sie hungrig sind, sondern bedient. Längere Öffnungszeiten werden nicht jedem Händler in jeder Lage und zu jeder Zeit mehr Geld in die Kasse bringen. Aber niemand zwingt die Ladenbesitzer, rund um die Uhr zu öffnen. Stattdessen werden sie die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, um sechs Uhr abends zu schließen, wenn niemand mehr kommt. Die Verlierer stehen jetzt schon fest: Es sind Bahnhöfe, Tankstellen und Kioske, die vom rigiden Ladenschluss profitiert haben – und sich ihren Wettbewerbsvorteil mit hohen Preisen haben bezahlen lassen. Es ist nur gerecht, dass sie sich jetzt etwas einfallen lassen müssen, um im Geschäft zu bleiben.

Und die Verkäuferinnen? Verdi hat angekündigt, liberale Arbeitszeiten zu kippen, weil sie Kassierern und Prokuristen nicht zuzumuten sind. Arbeitszeiten sind eine wichtige Sache, und der Schutz der Familie ist ein hohes Gut. Aber warum soll eine Krankenschwester am Sonntag arbeiten dürfen, eine Verkäuferin aber davor geschützt werden müssen? Ist die Familie einer Krankenschwester weniger schützenswert?

Diese Fußballweltmeisterschaft hat in vielen Bereichen gezeigt, dass es gut ist, mit alten Traditionen zu brechen. Sie hat auch gezeigt, dass in vielen Bereichen ein fröhlicher Pragmatismus ein besserer Ratgeber ist als allzu umfangreiche Studien und Gesetzentwürfe. Für den Ladenschluss gilt das allemal.

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