Politik : Eine Chance – für Deutschland

OLYMPIA IN LEIPZIG?

Von Armin Lehmann

Die Arbeitslosenzahl ist auf ein historisches Tief gefallen. Die Steuerbelastung ist gering, die sozialen Sicherungssysteme stehen auf einem neuen Fundament. Und im Sommer finden hinein in die boomende Wirtschaft Olympische Spiele in Leipzig und Rostock statt. Wir schreiben das Jahr 2012.

Womöglich kommt es anders. Vielleicht deshalb, weil die Deutschen 2003 angesichts der wirtschaftlichen Depression, der vermeintlich fehlenden Perspektive nicht mehr an die Wirkung von Reformen glauben. Viele empfinden Visionen als wenig lohnenswert. Das Gefühl im Land ist: Das Notwendige wird zerredet, im Bundestag, im Bundesrat, in Ausschüssen. Und auch Olympia ist noch in Gefahr, zerredet zu werden.

Die Olympiamacher müssen gegen diesen Trend steuern, und sie haben sich entschieden: für Leipzig, für die Herausforderung. Man kann jetzt sehr darüber streiten, ob nicht Hamburg die bessere Wahl gewesen wäre. Man kann auch sagen, diese Entscheidung kam nur deshalb zustande, weil Düsseldorf früh ausschied, Hamburg den Sieg nicht gönnte und für Leipzig stimmte. Und was wäre die Konsequenz, jammern wir wieder?

Leipzig argumentiert nicht allein mit seiner Geschichtsträchtigkeit. Leipzig verkörpert auch viel mehr als die friedliche Revolution von 1989. Es repräsentiert die junge Generation Ost, die wieder anpackt, losläuft, gewinnen will. Im besten Fall kann eine solche Olympiabewerbung auch mit Leipzig Identität schaffen und ein Gemeinsamkeitsgefühl wecken, das die Deutschen zuletzt bei der Jahrhundertflut empfunden haben. Manchmal ist Erfolg nur viel Psychologie. Ein Wettkampf, sagt man, wird zuerst im Kopf entschieden. Leipzig ist schnell im Kopf. Das hat auch der gestrige Auftritt in München gezeigt. Mit Herz und Verstand wurde die Bewerbung vorgetragen. Und wenn jetzt nicht nur Leipzig und Rostock antreten, sondern Deutschland, dann könnte das Sinn stiften für das ganze Land. Der Aufbruch aus dem Osten, das wäre mal ein Signal.

Zum Beispiel für die Wirtschaft. Unter Fachleuten ist unstrittig, dass sich Olympia auszahlt. Die Investitionskosten halten sich dank der vorhandenen Infrastruktur in vertretbaren Grenzen. Experten erwarten deutschlandweit einen volkswirtschaftlichen Nutzen von rund zehn Milliarden Euro. Sydney war wirtschaftlich betrachtet ein eher ungeeigneter Ort. Die Stadt liegt zu weit weg von den Märkten in Europa und Amerika, zudem ist Australien zu groß, als dass andere Landesregionen hätten profitieren können. In Deutschland würden Besucher ihr Geld auf kürzeren Wegen verteilter ausgeben. Bei Olympia geht es aber nicht nur ums Geld. Es geht auch um Kreativität und Gründergeist, der den Deutschen gut tun könnte. Es darf nicht mehr nur geredet werden. Und wer profitieren will von Olympia, der muss sich auch bewegen.

Die Nörgler und Neider sagen, Deutschland habe ohne Berlin bei der Entscheidung 2005 keine Chance. Vielleicht haben sie Recht. Diese Bremser sagen auch, Deutschland werde nie die Kraft zu tief greifenden Reformen finden. Sollen sie Recht behalten? New York, London, Rio de Janeiro sind starke Konkurrenz, aber die Deutschen sind in den internationalen Verbänden einflussreicher geworden. Die Fußball-WM 2006 zeugt von dieser neuen Stärke. Und noch immer ist es nicht falsch zu behaupten, dass Deutsche ganz ordentlich organisieren können.

Vielleicht sollten sie dieses Talent mal mit Spaß einsetzen. Damit sich Monte Carlo 1993 nicht wiederholt. Ganze neun Stimmen bekam Berlin bei der Entscheidung für Olympia 2000. Berlin hatte es nicht besser verdient. Die Stadt war nicht bereit für Olympia, und Deutschland wollte Berlin nach der Hauptstadtentscheidung nicht noch einen Triumph gönnen. Entsprechend war die Außendarstellung: zerstritten, verbissen, ohne Lust und Leidenschaft. So dürfen sich die Deutschen nicht noch einmal präsentieren.

Deutschland hat eine neue Chance.

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