Politik : Eine Chance für Minderheiten

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In Antakya, dem frühchristlichen Antiochia, an der südlichen Grenze der Türkei zu Syrien, führt Padre Dominique, versteckt in einem kleinen restaurierten Innenhof im historischen Zentrum von AltAntiochia seine winzige Gemeinde. Heute sind es vielleicht gerade noch zehn katholische Familien. Im Hof wachsen Orangen. Die Christen sind im laizistischen Staat nicht anerkannt, weder die orthodoxen Gemeinden, noch die römisch- katholische Kirche. „Offiziell gibt es uns hier gar nicht“, umschreibt Padre Dominique seinen Status. Was der Padre nicht laut sagt, weil man hier selten offen kritisiert: Seine Aussicht auf Anerkennung und Existenz liegt in, wie der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan die EU polemisch immer wieder nennt, dem europäischen „Christenclub“. Neben den modernen Intellektuellen in Istanbul sind es insbesondere zwei Gruppen, die ihre Hoffnung in diesen Beitritt legen: die ethnischen und die religiösen Minderheiten .

Dem, was der Padre in Antakya sagt, begegnet man in der Türkei immer wieder: Eine störrische, fast naive Zuversicht zur EU. In dem Land, in dem trotz vieler von der EU geforderten und formal auch umgesetzten Reformen, Minderheiten noch immer auf ihre Rechte warten, sehnen sich die Menschen nach einer besseren Zukunft – auch ökonomisch. Christen, Juden, Kurden oder auch Armenier.

Auf dem kleinen gepflasterten Dorfplatz von Vakifliköy sitzt Canik Capar. Der Lehrer ist einer der Nachfahren der Armenier, die hier auf dem berühmten Musa Dagh, dem Moses-Berg, im Sommer 1915 Widerstand gegen die osmanische Vertreibung und Vernichtung geleistet haben. Vierzig Tage konnten sie sich halten, dann wurden die Überlebenden von französischen Schiffen gerettet. Von den damals sechs Dörfern hat nur eines, Vakifliköy, die Vernichtung überstanden. Einige der damals geretteten sind später in die Türkei, auf ihren Berg zurückgekehrt. 1973 indes verließ Capar selbst die Türkei, um in Deutschland zu leben. Nur im Sommer fährt er zurück. Sicher, er ist freiwillig gegangen. Nachdem seine türkischen Lehrerkollegen ihn, wie er erzählt, wegen seiner armenischen Herkunft als Schulleiter verhindern wollten.

Deshalb ist Capar einer von denen, die auf eine europäische Zukunft hoffen. Darauf, dass der Völkermord endlich auch in der Türkei zugegeben wird. Mit einem EU-Beitritt, hofft er, passiert das, was ihm geschehen ist, „hoffentlicht nicht mehr“. Berc Kartun, der neben Capar sitzt, ist heute der Ortsvorsteher von Vakifliköy. Er ist geblieben. Diskriminierung, wie sein Freund Canik sie kritisiert, ist nicht sein Hauptproblem. Für ihn heißt Europa: Eine Chance zur Entwicklung, etwa „um unsere Biotomaten zu exportieren“. Denn Minderheit sein in der Türkei, ist oft gleichbedeutend mit Armut.

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