Politik : Eine dünne Schicht

HOLOCAUST-MAHNMAL

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Von Lorenz Maroldt

Da versagen alle Argumente. Ausgerechnet die Firma Degussa lieferte den Lack Protectosil, mit dem die Stelen des Holocaust-Mahnmals geschützt werden sollten: vor Schmutz, vor Schmierereien, vor Parolen. Die Degussa-Tochter Degesch hatte den Nazis das Gas Zyklon B geliefert, mit dem die Juden ermordet worden waren. Ein solches Mahnmal sei den Opfern nicht zumutbar, befand das Kuratorium der Denkmalstiftung. Der ideelle Schaden sei enorm, beklagte Alexander Brenner, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Da gebe es nichts zu diskutieren, erklärte die Vorsitzende des Förderkreises, Lea Rosh. Wirklich nicht?

Um das Holocaust-Mahnmal war es etwas still geworden in der letzten Zeit. Zuvor hatten die Politik und der interessierte Teil der Gesellschaft engagiert und erbittert gerungen über Sinn und Zweck, Ort und Art, Geld und Werbung. Schon die Auseinandersetzung darüber, so wurde gesagt, sei Teil des Mahnmals. Das soll jetzt plötzlich anders sein?

Ausgerechnet der Fall Degussa zeigt, wie richtig und wichtig das Mahnmal ist. Der Lack dieser Firma bringt sehr viel von der Verklemmtheit, Naivität, Unwissenheit und zuweilen irritierenden Widersprüchlichkeit im Umgang mit der Geschichte zum Vorschein. Leitende Mitarbeiter der Bauverwaltung haben sich nichts dabei gedacht, Degussa am Mahnmalsbau zu beteiligen. Die Firma war unsensibel genug, darüber zu schweigen. Der Architekt des Mahnmals, der amerikanische Jude Peter Eisenman, wollte den Degussa-Lack für seine Stelen haben, weil der am besten, billigsten, ästhetisch attraktivsten sei. Und unter denjenigen der Mahnmalkundigen, die jetzt am lautesten schreien, hat nicht einer oder eine beizeiten versucht, einen solchen Eklat zu verhindern. Dabei lag der doch nahe.

Wer am Holocaust direkt oder indirekt beteiligt war, könne nicht am Bau des Mahnmals beteiligt sein, erklärte ein Kuratoriumsmitglied dieser Tage. In keiner Ausschreibung war allerdings davon die Rede, und das aus einem gutem Grund. Es gehört zum Konzept, dass hier das Land der Täter, also der Rechtsnachfolger des Naziregimes, den Opfern ein Mahnmal baut. Der Kuratoriumsvorsitzende Wolfgang Thierse sagt deshalb zu Recht, Generationen übergreifende Verbindungen sind im Kontext des Mahnmalbaus nicht zu vermeiden. Man kann hinzufügen: Sie sind erwünscht, weil sie eine Verantwortung betonen, die über eine Stunde null oder die Gnade der späten Geburt zurückreicht.

Mit Degussa werde eine Grenze überschritten, heißt es jetzt, Zyklon B sei das Symbol des Holocaust schlechthin. Stimmt – nur was folgt daraus? Jetzt, da die Vertreter der Opfer erklären, ein solches Mahnmal, errichtet mit Degussas Hilfe, sei für sie unerträglich, versagt tatsächlich jedes Argument. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, bittet deshalb um Respekt für die Überlebenden, die das nicht ertragen könnten, auch wenn es, so Spiegel, hier jetzt allein um Gefühle gehe. Doch gerade weil es um Gefühle geht und um starke Symbole, ist dieser Respekt selbstverständlich. Es bleibt jedoch ein Unbehagen. Vielleicht wäre es anders, im Sinne der Mahnmalidee besser, gelaufen, hätten alle Beteiligten um Verständnis für die Idee geworben, statt es laufen zu lassen und so die Opfer vor den Kopf zu stoßen. Die Degussa, die Deutsche Gold- und Silberscheideanstalt, hat nicht nur über ihre Tochterfirma Degesch Zyklon B geliefert. Sie hat auch bei den Nazis darum gebuhlt, das Gold und Silber der Juden „verwerten“ zu können. Die Firma, die heute zu den wichtigsten Förderern der Zwangsarbeiterstiftung gehört, passt zur Mahnmalidee, im Guten wie im Bösen. Doch eine Beteiligung von Degussa am Mahnmal wurde nicht vorab offen erwogen, sondern später „enthüllt“, was sie erst skandalisierte. Eine verpasste Gelegenheit mit unerwünschten Nebeneffekten. Andere Firmen und Organisationen mit Vorgängern in der Nazizeit dürfen sich ein wenig entlastet fühlen.

Aber was soll ein bequemes Mahnmal, das unsere Pflicht und Schuldigkeit moralisch korrekt erfüllt; das die Vergangenheit für uns entsorgt, so wie das Kuratorium die Firma Degussa entsorgte? Am Ende ging es nicht anders. Ein Anfang wurde erst gar nicht gesucht.

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