Politik : Eine Fahrt ins Leere

Jamal Karsli reist zum ersten Mal in seinem Leben nach Israel und Palästina – und keiner will mit ihm reden

NAME

Von Sylke Tempel, Jerusalem

Der Auftritt ließe auf Prominenz schließen. Ein Team von Abu Dhabi TV empfängt Jamal Karsli schon an den Aufzugstüren zum Interview. Danach schreitet er das im Garten des Hotel Marriott von Nazareth angetretene Spalier von Parteihonoratioren ab. „Achlan We Sachlan“, Willkommen, Händeschütteln, Wangenküsse. Karsli darf in der ersten Reihe sitzen.

In Deutschland ist der Ex-Grüne und NRW-Landtagsabgeordnete syrischer Herkunft ein Außenseiter, seit er die israelische Armee der „Nazi-Methoden“ bezichtigte, sich den Vorwurf des Antisemitismus einhandelte und FDP-Vize Jürgen Möllemann vergeblich versuchte, Karsli in die Reihen der Liberalen aufzunehmen.

In Nazareth ist er Ehrengast der „Arabisch-demokratischen Partei“. Die stellt als Teil der „Vereinigten Arabischen Liste“ zwar nur einen einzigen Abgeordneten im israelischen Parlament. Dafür feiert sie ihren Parteitag mit dem Charme und Pomp der KP Albaniens. Kinder laufen singend und Fahnen schwenkend durch die Halle. Dutzende Parteigrößen halten Reden mit der Eloquenz eines Josef Stalin. Fast vier Stunden nach Beginn der Veranstaltung, als zwei Drittel den Saal schon verlassen und die weißen Plastikstühle in den hinteren Reihen schon zusammengestellt sind, darf endlich Karsli sprechen. „Ich bringe die Grüße aller Muslime in Deutschland“, sagt er. Schweigen.

In Nazareth leben hauptsächlich christliche Araber. Ihr Verhältnis zur muslimischen Bevölkerung ist gespannt, seit Islamisten gegen heftigen Widerstand der Christen den Bau einer Moschee am Fuß der Verkündigungskirche durchsetzten. „Ich will helfen, einen palästinensischen Staat zu schaffen“, ruft er. Obligatorischer Applaus.

„Man hat mich in Deutschland in eine Ecke gedrängt. Aber viele Juden helfen mir und unterschrieben eine Petition für mich. Darunter auch der KZ-Überlebende Herr Meyer aus Holland.“ Er wedelt mit einer nsliste vom Rednerpult. Das verbliebene Publikum starrt Karsli mit völliger Verständnislosigkeit an.

Am Donnerstag letzter Woche brach Jamal Karsli nach Israel auf, um seinen guten Ruf wieder herzustellen. Sein paranoides Weltbild hat er fest im Gepäck. Die „zionistische Lobby“ hat eine Mediensperre gegen mich verhängt, behauptet er. Aber das Auswärtige Amt habe ihm geholfen, „ohne größere Schwierigkeiten“ einzureisen. Jetzt will er zum ersten Mal in seinem Leben eine Woche lang Israel und Palästina bereisen.

Außerdem werde er versuchen, den „drohenden Völkermord“ an den Palästinensern zu verhindern. „Kennen Sie etwa nicht den Plan ,Dornenfeld’, der eine Wieder-Eroberung der palästinensischen Gebiete und die Vertreibung der ursprünglichen Bewohner dieses Landes vorsieht?“ Der in Zürich lebende Israeli Shraga Elam habe ihn davon unterrichtet. Shraga Elam ist ein obskurer Journalist, der hauptsächlich auf seiner eigenen Website veröffentlicht. Und Operation Dornenfeld ist ein 1996 von der israelischen Armeeführung entwickeltes Szenario, das theoretisch die Risiken einer Wiedereroberung der West Bank im Fall größerer Aufstände eruierte. „Niemals“, sagt der israelische Journalist Uri Blau, der den Plan damals in der Jerusalemer Stadtzeitung veröffentlichte, „war von einem Transfer der palästinensischen Bevölkerung die Rede.“

Jamal Karsli will auch Jassir Arafat treffen, seine Kontakte zur israelischen Friedensbewegung und zu Uri Avnery intensivieren sowie mit linken Politikern wie Oppositionsführer Jossi Sarid und dem Architekten der Osloer Verträge, Jossi Beilin, sprechen. Zwei Tage nach seiner kurzen Rede auf dem Parteikongress sitzt Karsli noch immer im Hotel Marriott zu Nazareth. Uri Avnery will Karsli nicht sehen. Das Büro Beilin weiß von keinem Treffen. Sarid winkt ebenfalls ab.

Aber wenn Karsli wieder nach Hause fliegt, hat er wenigstens ein Bild von sich und dem Chef der israelischen Opposition im Gepäck. Es entstand nach der Rede Karslis. Ein Funktionär der „Arabisch-Demokratischen Partei“ hatte Sarid höflich aufgefordert, dem Gast aus Deutschland die Hand zu schütteln. Sarid hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, wer da vor ihm stand.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben