Politik : Eine Frau nicht ganz ohne (Leitartikel)

Bernd Ulrich

Angela Merkel soll Parteivorsitzende werden. Der CDU-Vorstand hat sie einstimmig nominiert. Das ist eine kleine Revolution, nicht nur für die Union. Weil sie eine Frau ist. Und zwar eine, die, anders als Maggie Thatcher, nicht versucht, herrischer zu sein als die Herren und schneidiger als die Burschen. Weil sie eine Ostdeutsche ist, die erst seit zehn Jahren Politik macht. Und weil sie den Schnitt vollzogen hat zur Partei Helmut Kohls, deren Mitglieder sie trotzdem an die Spitze gejubelt haben.

Ohne Wirren keine Revolution: Nur die Spendenaffäre hat in der CDU das Unmögliche wahr werden lassen. In dieser Lage wurde Angela Merkel zum Ziel widersprüchlicher Erwartungen. Die Befreiung von der Affäre war dabei noch der harmloseste Wunsch. Je länger Merkels Kür dauerte, desto irrationaler wurden die Bewunderer, bis hin zum öffentlich geflüsterten Bekenntnis. Zum Schluss wurde die Protestantin zum Gegenstand einer Art politischer Marienverehrung.

Eine merkwürdige Verwandlung fand statt: Ihre verschatteten Augen wurden zum Beweis großen Ernstes. Ihre Kleider, die selbst, wenn sie von Escada sind, bescheiden aussehen, gerieten zum fashion-statement einer uneitlen Frau. Merkels Mangel an Kontur schien zu garantieren, dass alles möglich ist auf dieser Welt. Alles, was an ihr zuvor blass, langweilig und negativ wirkte, wurde plötzlich hell, interessant, positiv. Dieses Wunder hat nicht sie bewirkt. Es war die Verzweiflung der Christdemokraten.

Seit gestern gelten andere Regeln. Die Revolution hat gesiegt. Die Revolution ist vorüber. Angela Merkel hat gesagt, die neue Aufgabe sei "nicht ganz ohne". Das war die Untertreibung des Tages. Die CDU möchte, beispielsweise, zurück in die Sachpolitik. Gut, aber was warten da für Fragen: Was hat die Politik im Zeitalter der Börsen und Fusionen überhaupt noch zu sagen? Kann man die Biotechnologie begrenzen? Hat Familie noch eine Zukunft? Und die Religion?

Solche Fragen drängen, ohne dass die Parteien auch nur begonnen hätten, sich mit ihnen zu befassen. Daher rührt eine Verunsicherung, die tiefer geht als der Spendenskandal. Angela Merkel tritt an die Spitze einer Volkspartei in einer Zeit, in der die Politik sich auf den Höhepunkt ihrer Desorientierung zubewegt. Angesichts dessen eine konservative Partei zusammenzuhalten, das ist in der Tat "nicht ganz ohne".

Im vergangenen Jahr hat sich die CDU über die wirklichen Fragen der Zukunft mit ihren Wahlsiegen hinweggetäuscht. Nun ist die Verführung groß, auf populistische Kampagnen und schnelle Erfolge zu setzen. Es fragt sich, ob Angela Merkel für diese Politik geeignet ist. Als Generalsekretärin musste sie die Unterschriftensammlung gegen den Doppelpass mit organisieren. Sie tat es, unwillig. So wird es künftig nicht mehr gehen. Sie kann als Vorsitzende nicht zurück in die Rolle der Befehlsempfängerin. Wenn also Jürgen Rüttgers (Kinder statt Inder) oder Edmund Stoiber (Kein Maastricht mit Moslems) sie dazu bringen, eine populistisch-konservative Sprache zu sprechen, dann wird Angela Merkels bisher größtes Pfund zur Last: die Glaubwürdigkeit. Man nimmt ihr jetzt vieles ab - nur nicht, dass sie aus Machtopportunismus anfängt, bayerisch zu sprechen. Das markiert die Grenzen einer jetzt wohl anstehenden Wendung ins Konservative.

Angela Merkel steht nicht mehr im Schatten, von niemandem mehr. Jetzt muss sie selbst einen Schatten werfen. Ob das den ehrgeizigen Gleichaltrigen, den Jungen des Jahrgangs 1960, gefallen wird, die nun die Partei übernehmen?

Angela Merkel braucht in der CDU keine Fans mehr, sie braucht Freunde.

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