Politik : Eine kapitalistische Zelle

Der Wirtschaftspark Kaesong ist für Seoul nur ein Symbol, Pjöngjang bringt er Devisen in Millionenhöhe.

Blockade. In der südkoreanischen Grenzstadt Paju mussten am Mittwoch viele Lkw umkehren, weil ihnen die Einreise in den Norden verweigert wurde. Foto: Kim Hong-Ji/Reuters
Blockade. In der südkoreanischen Grenzstadt Paju mussten am Mittwoch viele Lkw umkehren, weil ihnen die Einreise in den Norden...Foto: REUTERS

Seoul - Der Wirtschaftspark Kaesong, den die nordkoreanische Regierung in dem Konflikt jetzt als Druckmittel einzusetzen versucht, liegt zehn Kilometer von der Grenze zu Südkorea entfernt. Es gibt eine direkte Straßen- und Zugverbindung in den Süden. Seit seiner Gründung ist der Industriekomplex das einzige Überbleibsel der Zusammenarbeit zwischen Nord und Süd, nachdem die offiziellen Beziehungen seit 2010 auf Eis liegen.

In den 123 Fabriken in Kaesong wurde am Mittwoch trotz der Blockade offenbar weitergearbeitet. In den südkoreanischen Unternehmen sind rund 50 000 Arbeiter aus dem Norden beschäftigt. Dazu kommen mehrere hundert Südkoreaner – zumeist Vorarbeiter und Manager. Es werden dort unter anderem Textilien und Bekleidung, Haushaltsgeräte sowie Autoteile hergestellt. Im vergangenen Jahr wurden in dem Komplex Güter im Wert von rund 470 Millionen Dollar produziert. Südkoreanische Unternehmen investierten 850 Millionen Dollar (664 Millionen Euro) in die Zone. Die Südkoreaner, die in Kaesong beschäftigt sind, überqueren in der Regel täglich die Grenze zwischen beiden Ländern. Ihre Namen werden den nordkoreanischen Behörden im Vorfeld übermittelt, diese geben dann grünes Licht für die Einreise.

Nach Angaben der Regierung in Seoul befanden sich in der Nacht noch 861 Südkoreaner in dem Gewerbegebiet in unmittelbarer Nähe der weltweit am stärksten gesicherten Grenze. Das Regime in Pjöngjang erlaubte ihnen die Ausreise, doch lediglich 36 von ihnen kehrten zunächst in den Süden zurück. Südkorea hatte sich besorgt gezeigt, seine Staatsbürger könnten als Geiseln genommen werden.

Stattdessen warteten in der südkoreanischen Grenzstadt Paju hunderte Arbeiter und Manager ungeduldig, nach Kaesong einreisen zu dürfen. „Das Vertrauen zwischen dem Norden und dem Süden bröckelt – auch bei den Kunden sinkt das Vertrauen“, sagte Lee Eung Haeng, der eine Kleiderfabrik in Kaesong betreibt. In Lees Firma arbeiten 600 Nordkoreaner, die im Monat durchschnittlich 130 Dollar verdienen. Die nordkoreanischen Arbeiter hätten vermutlich schon geahnt, dass etwas im Argen liege, sagte der Südkoreaner Jang Sun Woo. „Sonst haben sie immer über meine Witze gelacht – diese Woche waren sie aber irgendwie anders.“

Die Wirtschaftszone in Kaesong ist für beide koreanische Staaten von großer Bedeutung – für den Süden eher symbolisch, für den Norden auch wirtschaftlich. Dem verarmten Nordkorea mit seiner bisweilen hungernden Bevölkerung, seiner riesigen Armee und seinen Atomambitionen bringt der Industriekomplex dringend benötigte Devisen ein. Die nordkoreanischen Arbeiter erhalten jährlich mehr als 92 Millionen Dollar Lohnzahlungen. Nach einem zunächst schleppenden Start hatte Kaesong erstmals 2011 einen Gewinn vermeldet.

Die Anlage wurde im August 2000 eröffnet als Musterbeispiel für die Kooperation zwischen den beiden koreanischen Staaten. Sie war eines der Ergebnisse der sogenannten Sonnenscheinpolitik – der zwischen 1998 und 2008 betriebenen innerkoreanischen Aussöhnung. Angesichts der wirtschaftlichen Abhängigkeit des Nordens von dem Industriekomplex vermuten Experten, dass die Abriegelung nicht von Dauer sein würde. Die Börse in Seoul reagierte mit Verlusten auf die Entwicklungen. rtr/AFP

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