Politik : "Eine Klinik kann nicht am Fließband organisiert werden"

Gibt es in Deutschland zu viele Krankenhäuser

Frank Ulrich Montgomery (49) ist Chef des Marburger Bundes, der die deutschen Klinikärzte vertritt.

Außerdem ist er Präsident der Hamburger Ärztekammer. Der Verbandschef fordert eine grundlegende Gesundheitsreform - und gilt als scharfer Kritiker von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD).

Gibt es in Deutschland zu viele Krankenhäuser mit zu vielen Betten?

Wir haben mit Sicherheit zu viele Gebäude und auch, wenn man die Verweildauer betrachtet, zu viele Betten. Aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass durch das Schließen von Krankenhäusern nichts billiger wird. Das Problem ist nicht das Haus und das Bett, sondern die Tatsache, dass wir heute in den Krankenhäusern an immer mehr Patienten immer mehr Leistungen vollbringen - und dies auch sollen.

Aber gespart werden muss ja wohl auch in den Kliniken. Was halten Sie denn von den geplanten Fallpauschalen - also festen Entgelten für bestimmte Behandlungen und nicht mehr für die Behandlungsdauer?

Wir haben immer gesagt, wir wollen für Leistungen bezahlt werden, nicht für warm gehaltene Betten. Deshalb finden wir die Abrechnung über Fallpauschalen vernünftig. Unvernünftig ist es, dass die Politik dieses schwierige Verfahren so hastig betreibt...

Im Jahr 2004 soll verbindlich mit dem neuen Abrechnungsmodus begonnen werden. Ist die Vorbereitung zu kurz?

Wir brauchen mehr Zeit und mehr wissenschaftliche Begleitung. Bisher gibt es kein Land der Welt, wo mehr als 50 Prozent der Krankenhausleistungen über Fallpauschalen abgerechnet werden. Und wir wollen, dass dieses System ein Erfolg wird. Deshalb fordern wir eine Streckung um zwei Jahre.

Krankenhausmediziner warnen vor fehlender Nachsorge und reden bereits sarkastisch von "blutigen Entlassungen"...

Die Gefahr ist natürlich groß. Sie ist in jedem Fallpauschalensystem enthalten, weil der Anreiz ja genau darin liegt, die Leute möglichst kurz im Krankenhaus zu behalten. Deshalb muss es neben der Verantwortungsbereitschaft der Ärzte auch Qualitätssicherungsmaßnahmen geben. Darüber hinaus muss man die ambulanten Dienste stärken mit einbinden.

Also vernetzte Strukturen schaffen, wie das auch die Gesundheitsministerin fordert?

Ja. Gerade hier sehe ich eine Chance von Fallpauschalen. Wenn ich mich heute mit dem ambulanten Bereich vernetzen will, muss ich ewig lange mit Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen darüber verhandeln, und erfahrungsgemäß klappt es dann nicht. Künftig kann ich als Krankenhaus sagen: Ich gebe euch was aus meiner Pauschale, dafür organisiert ihr mir die Nachsorge zu meinen Qualitätskriterien. Wir brauchen keinen mehr zu fragen, darin sehe ich einen erheblichen Vorteil.

Was halten Sie denn von der Idee, die Krankenkassen zu berechtigen, ihre Verträge mit Kliniken selbstständig abzuschließen?

Die Folge wäre, dass wir dann mit unterschiedlichen Krankenkassen unterschiedliche Verträge und mit manchen gar keine hätten. Ich müsste also immer erst nachgucken, ob ich den Patienten überhaupt behandeln darf und wenn ja wie. Das heißt: Die Tatsache, dass jeder Patient sicher sein kann, in jedem Krankenhaus von jedem Arzt vernünftig behandelt zu werden, wäre nicht mehr gegeben. Deshalb halte ich von dieser Idee gar nichts.

Vernünftige Behandlung ist auch anderweitig gefährdet: durch überlastete und übermüdete Krankenhausärzte. Wie kann man dieses Problem in den Griff bekommen?

Man bräuchte nur den Bereitschaftsdienst zur Arbeitszeit erklären und die Finanzwirksamkeit des Ganzen gewährleisten - wie es der Europäische Gerichtshof ja längst in einem Urteil gefordert hat. Was ich nicht verstehe: Vor kurzem hat sich der Bundeskanzler mit den Chefs der großen Pharmafirmen getroffen und sich gegen einen Ablass von 400 Millionen Mark ein paar Arbeitsplätze sichern lassen. Wieso setzt er sich nicht mit demselben Engagement und Interesse dafür ein, dass in den Kliniken endlich die fehlenden 15 000 Ärzte und 20 000 Krankenschwestern eingestellt werden? Alles sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse, voll versteuert, zu relativ niedrigen Löhnen und Gehältern. Es ist an der Zeit, dass Herr Schröder das mal zur Chefsache macht.

Nun macht die Regierung für die nächsten beiden Jahre ja immerhin 400 Millionen Mark locker. Reicht das denn nicht?

Es ist das erste Anerkenntnis der Politik, dass Handlungsbedarf besteht - und insofern ein Erfolg für uns. Aber Zahlungsbeginn, Höhe und Vergabe-Mechanismus - ein Teil der Summe muss an anderer Stelle wieder eingespart werden - sind völlig unzureichend.

Kritiker sehen das Hauptproblem in einer horrend schlechten Arbeitsorganisation.

Man könnte manches optimieren, das ist richtig. Aber man kann eine Klinik nicht wie ein Fließband-Produktion organisieren. Seit Jahrzehnten versuchen wir, die Arbeitszeiten zu verbessern. Immer scheitert es daran, dass wir zu wenig Personal haben. Man kann nicht immer nur sagen: Alles ist mit Vorhandenem hervorragend zu machen.

Wirken die Arbeitsbedingungen abschreckend auf den Mediziner-Nachwuchs?

Ja, absolut. Krankenhausärzte müssen wahnsinnig viel arbeiten, ihre Überstunden werden nicht bezahlt. Es herrscht eine strenge Hierarchie, die als Druckinstrument dazukommt. Und sie haben bis zum 35. Lebensjahr meist nur befristete Arbeitsverträge. Es gibt heute viele attraktivere Jobangebote, bei denen ein Medizinstudium nicht schädlich ist. Wenn Studenten in andere Berufe abwandern, ist das aber volkswirtschaftlich eine Verschwendung, denn die Ausbildung ist sehr teuer. Und es wird uns in einigen Jahren große Probleme bereiten.

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