Politik : Eine Kollekte ist kein Ablass (Leitartikel)

Stephan-Andreas Casdorff

Da ist er wieder, der Alte. Jetzt wissen wir endlich, was er all die Stunden in seinem Büro gemacht hat: mit möglichen Spendern telefoniert, sie zum Gespräch empfangen, um sechs Millionen zusammenzubringen. Soll ja niemand glauben, Helmut Kohl sei sprachlos geworden oder wisse nicht mehr aus noch ein. Das Gegenteil wollte er beweisen. Das hat er nun. Die Partei bekommt ihr Geld, sie hat ihren Nutzen - oder?

Die Kohlsche Kollekte droht die ganze Erneuerung der CDU zu unterlaufen. Der ganze Prozess mit seiner Loslösung von Kohls System, das Opfer eines Vorsitzenden, diese ganze Quälerei - alles für nichts. Kohl hat nach alter Art seine Maßstäbe an das Desaster angelegt und danach gehandelt: Da war was nicht ganz in Ordnung, gut, dann bringe ich das in Ordnung. So schlicht, so einfach soll das funktionieren? Zwei Millionen Mark finanzielle Unterschleifen, sechs Millionen Mark Strafe - und Kohl, der die Herren der Industrie kennt, besorgt das Geld. Ist das der Schlussstrich?

Von wegen. Kohl will sich die Partei zurückholen. Seine Anhänger sprechen jetzt voller Respekt von ihm: Er ist doch ein Ehrenmann. Nebenbei zeigt er der darbenden Partei nochmal, wo ein Kohl die Spenden herholt. Und mit dem soll man sich nicht mehr blicken lassen können? Jürgen Rüttgers, der CDU-Spitzenkandidat in Düsseldorf, hat ja gesagt, dass Auftritte mit ihm nicht ausgeschlossen seien, weil viele Mitglieder emotional noch so eng mit Kohl verbunden sind. So weit ist es schon wieder.

Und wäre nicht auch ein anderes "Krisenmanagement" richtig gewesen? Diese Diskussion, die Gift für die Erneuerung wäre, wird jetzt wieder anfangen. Das wird dem Empfinden vieler Christdemokraten entsprechen. Und man kann nicht ausschließen, dass das außerdem vielen Bürgern aus dem Herzen spricht, die diese komplizierte legalistische Debatte leid sind.

Natürlich ist nichts dagegen zu sagen, dass Kohl Geld sammelt und der Partei zurückzahlt. Die CDU hat immerhin einen Anspruch darauf, dass er seinen Fehler, seine Gesetzesverstöße, auch materiell wieder gutmacht. Aber das ist ein Alibi-Schauplatz. Am entscheidenden Punkt offenbart Kohl, dass er aus der Krise der CDU - die Reaktion der Öffentlichkeit eingeschlossen -, nichts gelernt hat.

Wie Kohl diese Wiedergutmachung anpackt, diese Art offenbart sein ganz eigenes Rechtsbewusstsein: Unrecht ist das, was er als Unrecht empfindet, Recht das, was er höchstselbst für Recht hält. Und Verstöße gegen das Parteiengesetz sind aus seiner Sicht so schlimm nicht, als dass sie nicht nach alter Männersitte aus der Welt geschafft werden könnten: Die Millionen sind wieder da, die Sache ist vergeben und vergessen, der Rest ist Sache der Hessen. Der Patriarch lässt grüßen. Der Pate auch.

Das Gefühlige ist in diesem Fall das Gefährliche. Kohl war zu lange Seele der Partei, um sie nicht selber noch treffen zu können. Seine Attitüde des Ich-versteh-die-Welt-nicht-mehr, diese aufgesetzte Unschuldsmiene - absichtvoll, ja hinterfotzig zeigt Kohl der jetzt noch übrigen Parteiführung die Instrumente seiner Macht. Er will den Graben zwischen Erneuerern und Traditionalisten, den Kohl-Gläubigen, wieder aufbrechen. Die Gefahr ist, dass das Parteivolk mit alten Reflexen reagiert. Dann aber wäre der Prozess der Erneuerung und der Loslösung gestoppt, kaum dass er begonnen hat. Dagegen müssen sich Helmut Kohls Nachfolger in der CDU stemmen. Wer auch immer. Aber mit aller Macht.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar