Politik : Eine Krawall-Politsendung sorgt im Duma-Wahlkampf für Furore

Ulrich Heyden

Eine der populärsten russischen Politsendungen ist zurzeit "Glas Naroda", "Die Stimme des Volkes". Die neue Talkshow des privaten Fernsehkanals NTW, geleitet vom bekannten Moderator Jewgenij Kiseljow, steht ganz im Zeichen des russischen Duma-Wahlkampfs. Ihre hohen Einschaltquoten verdankt die Sendung unter anderem einer im Westen abgeschauten Präsentation. In einem mit schwarzem Plexiglas gestylten Studio sitzen sich zwei Spitzenkandidaten gegenüber, die sich in einer Art Schaukampf mit Worten fertigmachen.

Dass die Talkshow nicht in eine Schlacht ausartet, dafür sorgt der Moderator Kiseljow. Für das russische Publikum, das eher harmoniesüchtige Polit-Gespräche gewohnt ist, ist das eine ungewöhnliche Form der Darbietung. Seit seinem Start vor einem Monat hat "Glas Naroda" das Image einer ungewöhnlichen Sendung. Die Einschaltquoten liegen bei 22 Prozent, was für eine Politsendung ein Spitzenergebnis bedeutet.

Zur Sendung am Dienstagabend waren der Ultranationalist Wladimir Schirinowskij und der Reformer Boris Nemzow geladen. Beide Politiker vertreten Parteien, die nach Meinungsumfragen an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern könnten. Zum Konzept der Sendung gehört, dass die eingeladenen Kontrahenten ihre Anhänger mitbringen dürfen. So saßen die glatzköpfigen Männer von Schirinowskijs "Liberaldemokratischer Partei" (LDPR) und die meist der Moskauer Intelligenz angehörenden Nemzow-Anhänger der "Union der rechten Kräfte" mit ihren Transparenten und Fähnchen in getrennten Blöcken auf der Zuschauertribüne. Das Fernsehpublikum erwartete etwas Ungewöhnliches, denn als Nemzow und Schirinowskij vor vielen Jahren das erste Mal in einer Talkshow aufeinander trafen, schüttete der Ultranationalist dem Jungreformer den Inhalt seines Saftglases ins Gesicht.

Zu einer Provokation kam es auch diesmal. Gegen Ende der Sendung holte Schirinowskij eine Pistole aus der Tasche, legte sie vor seinen Kontrahenten und forderte ihn auf, sich zu erschießen. Nemzow, sichtlich erschüttert, sammelte sich und erklärte, in Russland gebe es eben fünf bis zehn Prozent "psychisch Kranke", die würden Schirinowskij wählen. Der ehemalige Vizepremier und Gouverneur von Nischni-Nowgorod saß in der Talk-Show meist nachdenklich, den Kopf in die rechte Hand gestützt. Auf seinen Knien lag ein ganzer Stapel von Argumentationsunterlagen. Doch die nützten ihm nur wenig, weil Schirinowskij sich nicht auf eine zivile Debatte einlassen wollte. Er saß in Herrscherpose zurückgelehnt, mit gelockertem Schlips, schrie und ruderte mit den Armen. Jedes Sachargument beantwortete er mit einem Schwall von Übertreibungen, Provokationen und Kränkungen.

Der Einzige, der sich wie Schirinowskij nicht an die Spielregeln hielt und den Provokateur für kurze Zeit in die Ecke drängte, war der bekannte Showmaster Nikolaj Fomenko, welcher im Publikum saß und Schirinowskij geradeheraus fragte, ob er auch Exkremente benutzen werde, um seine politischen Opponenten zu überzeugen. Schirinowskij stutzte kurz und konterte dann, Fomenko habe sich wie alle Journalisten prostituiert. Nur einmal gelang es Nemzow, der bei der Duma-Wahl in seiner Heimatstadt Nischni-Nowgorod ein Direktmandat anstrebt, den Ultranationalisten argumentativ in die Ecke zu drängen. Der Jungreformer verteidigte seinen Plan, den er als Vizepremier verfolgte, die russischen Staatsbeamten zum Gebrauch eines russischen Dienstwagens zu verpflichten, da dies die heimische Industrie stärke. Schirinowskij, der sich im gepanzerten Mercedes durch Moskau chauffieren lässt, konterte mit Volkes Stimme: "Die russischen Autos taugen nichts."

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