Politik : Eine menschliche Tragödie

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Beirut - Sie nennen sich Sumudun und leisten Widerstand (Sumud), indem sie sich für die Flüchtlinge im Libanon engagieren. Die meisten der libanesischen Helfer sind junge Aktivisten aus säkularen linken Gruppierungen. In dem kleinen Garten stapeln sich Hilfsgüter. Bassem Shit ist einer der Koordinatoren. „Wir haben eine humanitäre Katastrophe, und die Regierung macht nichts“, lautet seine Lagebeurteilung. Sumud betreut derzeit zwischen 8000 und 12 000 Flüchtlinge, die in 28 privaten Schulen untergebracht sind. Die Menschen erhalten dreimal täglich ein Essen. Zudem verfügt Sumud über ein medizinisches Team. Shit schätzt die Zahl der Vertriebenen auf 600 000.

Die libanesische Regierung wurde von der Flüchtlingswelle völlig unvorbereitet getroffen. Notfallpläne gab es offenbar keine. Auch die Sozialministerin Nayla Mowad spricht von einer „humanitären Katastrophe“. Das größte Problem sei die Blockade, unter der das Land steht. Einzelne Dörfer im Süden seien immer noch komplett abgeschnitten. Zum ersten Mal im Laufe der vielen kriegerischen Ereignisse im Land ist der Beiruter Flughafen geschlossen. Die Regierung verlangt deshalb einen Waffenstillstand und humanitäre Korridore in das Ausland und in den Süden. „Aber der Transport über diese Hilfswege funktioniert noch nicht und ist für die Helfer extrem gefährlich“, sagt Christine Decker von Caritas International. Für die Zivilisten verschlimmere sich die Situation stündlich. Hilfsgütertransporte in den Süden seien wegen der Kampfhandlungen quasi unmöglich. Israel hat in den vergangenen Tagen immer wieder Lastwagen angegriffen. Die Ministerin hält insbesondere die Bombardierung der größten Milchfabrik für ein Desaster. Sie ist der einzige Anbieter für spezielle Babymilch.

Auch in der Hauptstadt Beirut ist die Lage nach Einschätzung von Unicef-Sprecher Rudi Tarneden für die Menschen sehr schwierig. Abwasseranlagen funktionierten nicht mehr, außerdem gebe es in vielen Stadtteilen keinen Strom. Das Kinderhilfswerk schätzt die Zahl der Flüchtlinge allein in Beirut und Umgebung auf 60 000, die sich hauptsächlich in Parks, Schulen und öffentlichen Einrichtungen aufhielten. „Das kann auf Dauer nicht gut gehen“, so Tarneden. Neben der EU haben zahlreiche Länder, darunter auch mehrere arabische Staaten, Hilfsgüter und Geld zugesagt. Die Bundesregierung stellte eine Million Euro Soforthilfe zur Verfügung. Am Freitag brachte das Internationale Rote Kreuz den ersten Konvoi mit 24 Tonnen Nahrungsmitteln und Medizin in die südliche Hafenstadt Tyrus, in der die Lage besonders angespannt ist. Auch über den Seeweg sollen in den nächsten Tagen dringend benötigte Hilfsgüter dorthin gelangen.afr/S.K./kwo

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