Politik : Eine neue Bewegung

Lorenz Maroldt

Wenn alles glatt geht, falls also die Elektriker und Maler doch noch rechtzeitig den Admiralspalast an der Berliner Friedrichstraße räumen, dann wird der schauspielernde Sänger Campino, sollte er seinen Text nicht vergessen, hier in ein paar Tagen rhetorisch fragen: Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Diese abgenudelte Brechtzeile klingt in Berlin besonders, seit die hiesige Politik bewiesen hat, dass ein vernünftiger Einbruch unter Umständen die bessere Lösung wäre. Es ist eine feine Ironie und insofern passend zu Berlin, dass Brecht eigentlich unglücklich war mit dem Erfolg seiner Dreigroschenoper, weil er sie für zu unpolitisch hielt, dass aber ausgerechnet sein revolutionärer Bankgründungshinweis von der bürgerlichen Politik aufgegriffen wurde, was dann die Verhältnisse in Berlin vor fünf Jahren zum Kippen brachte und schließlich der PDS an die Macht verhalf.

Jetzt wird bald wieder gewählt, und es stellt sich die Frage: Was ist geworden? Und was soll werden? Wer nur auf die Zahlen sieht, blickt in einen Abgrund. Bei einem Wirtschaftstest von fünfzig deutschen Städten landete Berlin in diesem Jahr mal wieder weit abgeschlagen kurz vor Gelsenkirchen auf Platz 48. Keine Leistung, keine Dynamik. Dagegen steht das weit verbreitete Lebensgefühl, dass es in Berlin quirliger zugeht als überall sonst. Wo viel probiert wird und gewagt, wird eben auch viel verloren. Der noble, inzwischen insolvente Aktionärsclub Goya ist typisch für Berlin, der Admiralspalast auch – vor allem dann, wenn er ein Erfolg wird. Da ist viel Schwung in diese Stadt gekommen, die noch zu Mauerzeiten ja nicht mal eine Bank überfallen musste, um an Geld zu kommen. Das waren noch Zeiten, die bis in die neunziger Jahre reichten. Wo heute auf einer Privatbaustelle Klaus Maria Brandauer einen Campino proben lässt, durfte vor nicht allzu langer Zeit René Kollo uninspiriert viel öffentliches Geld verbrennen. Hieran ist der Mentalitätswechsel am deutlichsten spürbar.

Dazu passt, dass die dramatische Sparpolitik der vergangenen Jahre gar kein richtiges Wahlkampfthema ist. Die CDU zeigt statt dessen auf ihren Plakaten in grauen Tönen Arbeitslose und sagt: Berlin kann es besser. Titelverteidiger Wowereit behauptet deshalb, die CDU mache die Stadt schlecht. Das ist überzogen. Es gehört zum wahrhaftigen Bild Berlins, dass es vielen Menschen hier nicht gut geht. Aber, und da zielt die CDU ins Leere, die Leute ahnen auch, dass es anderswo für sie nicht unbedingt besser wäre. Berlin ist, in einem guten Sinne, eben eine billige Stadt, und sie bietet Chancen, wie sogar amerikanische Finanzinvestoren wissen, mindestens aber Anregung und Zerstreuung. So viel auf einmal gibt es anderswo nicht. Dagegen ist wirklich schwer Wahlkampf machen.

Neben Brecht wird dieser Tage noch ein anderer Klassiker zitiert, treffend. Die PDS greift plakativ auf Tucholsky zurück: „… für diese Stadt, in der immerhin Bewegung ist und pulsierendes rotes Blut.“ Nun, rotes Blut fließt auch durch die Adern von Grünen, Schwarzen und Blaugelben, und komisch bescheiden für eine Regierungspartei wirkt das Wort „immerhin“ sowieso: Sieht zwar alles nicht so doll aus nach fünf Jahren Rot-Rot, aber immerhin, es ist Bewegung drin? Am Ende womöglich sogar mehr, als der PDS recht sein kann. Vielleicht wird auch in der Politik wieder etwas Neues gewagt. Es muss ja nicht gleich eine Bankgründung sein.

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