Politik : „Eine nicht gekannte Angst“

Der Fotograf Robert Capa war in Omaha Beach dabei

Andreas Austilat

„Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, dann warst du nicht nah genug dran“, so lautete der Wahlspruch des Fotografen Robert Capa. Am 6. Juni 1944 ist er so nah dran wie nur irgend möglich. In der Normandie geht er mit der ersten Angriffswelle um 6 Uhr 30 an jenem Strandabschnitt an Land, dem die Amerikaner den Codenamen Omaha gegeben haben. Ein langer Weg für Capa, der als Endre Friedmann 1913 in Budapest geboren wurde und in den 30er Jahren noch ein mittelloser Flüchtling war. Aber er ist der Mann, der das berühmteste Bild des spanischen Bürgerkriegs gemacht hat, einen Soldaten der Republik im Moment seines Fallens, die Arme hochgerissen, die Knie schon gebeugt. „Time“ hat ihn danach einen der besten Kriegsfotografen der Welt genannt.

Wer wäre also besser geeignet, die Aufgabe zu dokumentieren, die vor den Männern in den Landungsbooten liegt, die nun auf die französische Küste zufahren. Als sich die Rampe öffnet, springt er von Bord, registriert, dass „das Wasser sehr kalt ist und der Strand noch 100 Meter weit weg. Rings um mich reißen die Kugeln Löcher ins Wasser“. Er rettet sich hinter das nächste Stahlhindernis. Neben ihm zerrt ein Soldat die schützende Plastikhülle vom Lauf seiner Waffe, feuert, hastet weiter. Capa hockt noch im Wasser, aber er hat die Deckung jetzt allein, sieht hinter sich die nachrückenden Männer, die sich flach in die Brandung werfen, und fängt an zu fotografieren. Capa erinnert sich später, „eine bisher nicht gekannte Angst erschütterte meinen Körper von den Zehen bis in die Haarspitzen“. Seine Hände zittern derart, dass er Probleme hat, einen neuen Film einzulegen. „Das ist eine wirklich ernste Sache“, murmelt er immer wieder vor sich hin.

Anderthalb Stunden harrt Capa aus, dann rennt er zurück, entert ein Sanitätsboot und schreibt: „Ich wusste, dass ich weglaufe.“ Doch er hat ein gutes Argument: Die Bilder müssen nach London, so schnell wie möglich. Im Büro des Magazins „Life“ nimmt der Laborant Dennis Banks die Filme entgegen, dann geschieht das Unglaubliche: Er ruiniert die Negative im Trockenschrank, nur elf von 106 Aufnahmen bleiben übrig. Aber diese Fotos, zwei davon zeigen wir auf dieser Seite, sie prägen für die Nachwelt das Bild von der Landung. Der Regisseur Steven Spielberg etwa sagte einmal im Interview, dass er für seinen Film „Der Soldat James Ryan“ die Landung genau so inszenieren wollte, dass sie aussieht wie auf Capas Fotos.

Robert Capa überstand diesen Krieg unversehrt. Aber zehn Jahre nach der Landung wurde er in Vietnam von einer Landmine getötet.

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