Politik : Eine Nummer zu viel

Wie ein indonesischer Polizeigeneral und seine Ermittler den Attentätern von Bali auf die Spur kamen

Moritz Kleine-Brockhoff[Bali]

Chefermittler I Made Mangku Pastika ist in Bali ein Star. Nur acht Wochen nach den Terroranschlägen mit fast 200 Toten ist weitgehend geklärt, wie sie durchgeführt wurden und wer die Täter waren. Damit hatte kaum jemand gerechnet. Indonesiens Polizei gilt als korrupt. Viele Beamte werden verdächtigt, mit Kriminellen zusammenzuarbeiten. Polizeigeneral Pastika und seine Mannschaft haben in den Augen der Öffentlichkeit bewiesen, dass nicht alle Polizisten im Land so sind. Dem größten Terroranschlag in der Geschichte Indonesiens folgte die größte Polizeiaktion. Laut Pastika sind bis auf fünf Männer vermutlich alle Täter gefasst, die fünf Flüchtigen werden gesucht.

Der General hatte viel Hilfe. Mehr als 120 Kriminalexperten aus vielen Ländern kamen und brachten nicht nur Wissen, sondern auch moderne Technik mit, die die Indonesier nicht haben. Die meisten internationalen Ermittler sind immer noch im Land. Viele kommen aus Australien, den Vereinigten Staaten und England, einige vom Bundeskriminalamt in Wiesbaden.

Unfreiwillig halfen auch die Terroristen. Die jungen Männer gelten bei den Ermittlern zwar als ziemlich gerissen. Immerhin gelang es ihnen, ihren Plan geheim zu halten, obwohl viele Agenten des US-Geheimdienstes CIA vor dem 12. Oktober in Indonesien versuchten, Anschläge zu verhindern. Aber die Bali-Täter machten einen großen Fehler: Sie fuhren mit dem eigenen Auto zum Tatort. Das verriet sie. Es war ein weißer Minibus der Marke Mitsubishi, Modell L 300.

Mit dem eigenen Wagen

Die Ermittlungen und die bisher abgelegten Geständnisse haben laut General Pastika Folgendes ergeben: Amrozi, ein junger Mann aus dem Osten von Balis riesiger Nachbarinsel Java, hatte den Wagen eigens für den Anschlag erworben. Sein Bruder Mukhlas, der Kopf der Bali-Terroristen, hatte ihn dazu aufgefordert. „Sie dachten, wenn sie ein Auto für den Anschlag stehlen, könnten sie dabei von der Polizei erwischt werden“, glaubt General Pastika.

Mukhlas sowie seine Brüder Amrozi und Ali Imron präparierten den Bus zu Hause auf Java vor: Sie bauten die Rücksitze aus, um Platz für rund 150 Kilo Sprengstoff zu schaffen. Sie zogen neue Reifen auf, um auf der Fahrt mögliche Pannen zu vermeiden. Sechs Tage vor den Anschlägen fuhr Amrozi den Bus nach Bali. Ali brachte ihn dann am 12. Oktober zum Tatort.

Sie glaubten, an alles gedacht zu haben. Selbst an die Fahrgestellnummer. Die Terroristen hatten zwei Ziffern erst verändert, aus einer Null machten sie eine Sechs, aus einer Drei eine Acht. Dann kratzten sie die ganze Nummer aus. Die Taktik ging auf. Ermittler fanden die Wrackteile samt Fahrgestellnummer am Tatort. Mit einer Chemikalie machten sie die Nummer unter der zerkratzten Oberfläche sichtbar. Nur 20 Sekunden lang sieht man verschwommen die Zahlen, die Beamten filmten den Vorgang. Auf ihrem Videoband erkannten sie aber nur die veränderte Zahl und waren zunächst auf der falschen Fährte.

Puzzle aus Wrackteilen

Aber die Polizisten aus aller Welt gaben nicht auf. Alle gefundenen Wrackteile des Busses wurden so gut wie möglich zusammengesetzt. Dabei stießen die Ermittler auf eine weitere, zuvor übersehene Nummer. Der Bus, den Amrozi gekauft hatte, war vom vorvorherigen Besitzer als öffentliches Verkehrsmittel benutzt worden. Das wusste er nicht. Die Behörde, die alle öffentlichen Verkehrsmittel auf Sicherheitsmängel untersucht, hatte eine Inspektionsnummer in den vorderen Teil des Fahrgestelles gestanzt. Das hatten die Brüder übersehen, die Fahrgestellnummer ist hinten.

Mit Hilfe der Inspektionsnummer entdeckten Pastika und sein Team Amrozi und verhafteten ihn am 5. November. Er war der erste der Täter, der den Ermittlern ins Netz ging. Amrozi soll schließlich über seine Mittäter ausgesagt haben. „Vorher war alles dunkel, dann wurde es hell“, sagt Pastika. Wie die Ermittler dann die anderen Männer fanden, die sich sofort versteckten, wollen sie nicht sagen. Aber jedem ist klar, dass ohne die Technik aus dem Ausland viele Täter noch frei wären. Alles, was elektronisch übertragen wird, hinterlässt Spuren, die man mit High-Tech-Geräten nachvollziehen kann. So wurde rasch klar: Die Terroristen hatten wieder Fehler gemacht. Und Polizeigeneral Pastika kam ihnen so auf die Spur. Dennoch. auch der Chefermittler konnte noch nicht alles aufklären. Weiterhin ist völlig unklar, ob die Täter auf sich allein gestellt waren oder Hintermänner hatten.

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