Politik : Eine Sache der Familie

Der deutsche Unternehmer Thomas Gerbracht lebt auf Sri Lanka – 80000 Euro hat er in die Fluthilfe gesteckt

Ingrid Müller[Weligama]

In der Dharmadala-Grundschule in Weligama im Süden Sri Lankas liegen die Nerven blank. „Warum schießt ihr nicht?“, schreit eine Mittvierzigerin wild gestikulierend den Armeekommandeur an. Der hockt auf dem Flachdach und weigert sich, mit einer Hand voll Polizisten die Ausgabe von Kochgeschirr an rund 50 Familien zu überwachen, deren Häuser vom Tsunami davongespült wurden. Vor dem Tor warten noch einmal mindestens so viele Familien. Aber die Infanteristen bleiben dabei. Erst am Montag, wenn mehr Soldaten da sind, wollen sie garantieren, dass es keine Schlägerei gibt.

Heike Gerbracht ist enttäuscht. Ihr tut der Rücken weh, sie hat an diesem Samstag schon in einer anderen Schule schwere Essenspakete mit Kartoffeln, Reis, Linsen und Dosenthunfisch verteilt. Die 38-jährige Deutsche will helfen, egal ob im Camp oder draußen, aber das geht nicht ohne Absprache. Wenn Kochgeschirr verteilt wird, wollen die Familien die Dharmadalaschule verlassen, dann können sie wieder selbst kochen. Schulleiter Karunarathna würde aufatmen. Seit neun Tagen beherbergt er zusammen mit seiner Frau und den beiden Töchtern die Flutopfer. Auf die Regierung ist er sauer. „Sie haben lange gar nicht geholfen und als sie kamen, hat es nicht gereicht.“ Das war am 14. Januar. Erst am Wochenende hat Colombo angekündigt, ab kommender Woche bekomme jeder der 800000 Bedürftigen im Land Essensrationen.

Karunarathna ist froh über die Hilfe von Heike und Thomas Gerbracht. Die Deutschen, die vor zwölf Jahren in Weligama mit dem Anbau von Biofrüchten begannen und deren Firma jetzt zehn Millionen Dollar Umsatz im Jahr macht, fühlen sich in Weligama zu Hause. „Das hier ist unsere Kommune“, sagt der 47-jährige Gerbracht. „Wir kennen ja alle.“ Als der gebürtige Ludwigshafener am 26.Dezember von der Welle hörte, hat er sich sofort in seinen Wagen gesetzt. „So eine panische Angst habe ich noch nie erlebt. Überall lagen Leichen, einen Bekannten habe ich in seinem Taxi eingeklemmt an einer Brücke gefunden – er stand immer am andern Ende der Stadt.“ Er ist die Küste rauf und runter gefahren, hat Freunde gesucht. Dann hat Thomas Gerbracht die Hilfsmaschine angeworfen. Er hat seine Plantage Tabaluga geöffnet, Mangos und Kokosnüsse verteilt, erzählt der Mann in Bermudas, T-Shirt und Sandalen. Er und seine Frau haben Lebensmittel aufgekauft, sich mit Diesel eingedeckt – und per E-Mail Geschäftsfreunde und –kunden auch in Deutschland alarmiert, sich mit anderen Ausländern abgesprochen. Ein Jumbo voller Hilfsgüter kam zu Stande. Als die Regierung sich einmischen wollte, hat Gerbracht gedroht, die Maschine werde nach Phuket durchstarten. Die Kontrolle wollte er nicht aus der Hand geben.

Auf ihren Plantagen entstanden Großküchen für 3500 Portionen Currygerichte. Inzwischen bekommen die Leute Hilfe, um selbst zu kochen. „Die Menschen sollen nicht von etwas abhängig werden, das sie nicht brauchen, sondern ihr Leben wieder in die Hand nehmen“, sagen die Gerbrachts. Bis jetzt hat er rund 80000 Euro für Hilfe ausgegeben, rechnet Thomas Gerbracht, dessen Firma target agriculture Unternehmen wie Alete und Heinz als Kunden hat. „Das ist kein Problem für uns, wir haben genug“, sagt der frühere Bar- und Diskobesitzer.

Auf seinem Landsitz Tanamera, einige Kilometer von der Küste entfernt, wird er am 23. Januar auch den Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder), Martin Patzelt, zu Gast haben, um die Partnerschaft von Weligama mit Frankfurt und dem polnischen Slubice zu besiegeln – ein gemeinsames Ortsschild mit allen drei Namen lässt er bereits anfertigen. Mit Hilfe der Zwillingsstädte möchte er unter anderem ein Waisenhaus einrichten. Weit mehr als 100 Kinder haben ihre Familien verloren. Gerbracht hofft, dass der Tsunami für Weligama zur Chance wird. Er möchte aus dem Fischerort am liebsten ein Modelldorf mit Strandpromenade und Fischrestaurants, Verkaufsständen und Spielplätzen machen, damit die Menschen sich nicht mehr auf der Straße treffen müssen. Er glaubt nicht, dass noch mal eine solche Welle kommt. „So was passiert nur einmal – ohne Vorwarnung. Aber fast jeden Tag werden Menschen auf der Küstenstraße überfahren.“

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