Politik : Eine Seefahrt, die ist lustig

Wie Vizekanzler Franz Müntefering vor dem rechten Flügel der SPD auf dem Wannsee Parteichef Kurt Beck düpierte

Stephan Haselberger

Berlin - Es hätte ein netter Abend werden können für Kurt Beck, eine vergnügliche Schifffahrt über den Wannsee im Kreis wohlmeinender Mitstreiter. Der rechte SPD-Flügel, zusammengeschlossen im „Seeheimer Kreis“, hatte am Dienstag zum traditionellen Spargelessen auf die „MS La Paloma“ geladen, und als der SPD-Chef gegen 20 Uhr 30 an der Glienicker Brücke zustieg, fand er ein sattes, froh gestimmtes Publikum vor. Gute Bedingungen also für eine energische Parteivorsitzenden-Rede, mit der sich nebenbei auch manche Zweifel an seiner Eignung als Kanzlerkandidat hätten zerstreuen lassen. Als Beck nach zweieinhalb Stunden wieder von Bord ging, war jedoch das Gegenteil eingetreten.

Denn die Rede eines Parteivorsitzenden hatte nicht Amtsinhaber Beck, sondern Vizekanzler Franz Müntefering gehalten. In den Augen etlicher Seeheimer stand der Pfälzer Gemütsmensch Beck danach als Verlierer da, als einer, der seine Führungsrolle im Berliner Politikbetrieb immer noch nicht ausfüllen kann. Müntefering habe Beck „düpiert“, hieß es. Vom „klaren Unterschied zwischen Bundes- und Regionalliga“ war die Rede und von einer „Kampfansage“.

Gerüchte, wonach das Verhältnis zwischen Vizekanzler und Parteichef gespannt ist, kursieren in der SPD seit längerem. Angeblich sollen Münteferings Vertraute intern sogar die Losung „BMW“ ausgegeben haben – „Beck muss weg“.

Dass er solchen Spekulationen neue Nahrung geben würde, muss Müntefering am Dienstagabend zumindest klar gewesen sein. Die Reaktionen der anwesenden SPD-Bundestagsabgeordneten auf Becks Ansprache konnten dem Vizekanzler jedenfalls nicht verborgen bleiben. Neben Parteichef Beck stehend, hatte er einen freien Blick auf die ratlosen Gesichter und die skeptischen Mienen, mit denen viele Seeheimer Becks umständlichen Vortrag quittierten. Beck sprach in langen Sätzen von der „Kraft der Solidarität der Partei“, vom „Mindestlohn als ganz besonderem Teil einer gerechten Gesellschaft, wie wir sie uns vorstellen“, er sprach über „Fragen des sogenannten Raketenabwehrschirms“ und über den erhofften Sieg der SPD bei der Wahl in Bremen: „Schaun mer mal. Ich bin durchaus zuversichtlich, dass wir nicht in die Röhre schauen müssen.“

Applaus gab es nur selten, am stärksten fiel er aus, als die formale Nummer eins der SPD „den tollen Service und die gute Küche“ des Ausflugsschiffs lobte: „Herzlichen Dank auch an die Damen und Herren dieses schwimmenden Restaurants.“ Franz Müntefering zog derweil an seinem Zigarillo, dass es glühte. Vielleicht fasste er in diesem Moment den Entschluss, seinen Vorredner rhetorisch zu versenken mit seinem Müntefering-Stakkato kurzer, klarer Sätze.

Er begann mit einem Zitat von Gerhard Schröder: „Entweder wir gestalten die neue Zeit, oder die neue Zeit wird uns gestalten.“ Er gab den Gleichklang von Ökonomie, Ökologie und Sozialem als Maxime aus. Er geißelte die „Beliebigkeit“ der Union in Anspielung auf die Steuersenkungspläne von Wirtschaftsminister Glos (CSU) und das Finanzierungswirrwarr bei der Krippenoffensive von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU). Beck stand neben ihm und nickte.

Er nickte auch dann noch, als Müntefering die SPD mahnte , sich nicht vor unpopulären Entscheidungen zu drücken. „Wenn man weiß, dass es eine richtige Politik gibt, darf man nicht weglaufen. Sondern man muss dafür kämpfen, dass sie populär wird. Die Aufgabe von Politik ist auch, zu führen.“

Nach seiner gefeierten Rede sah man Müntefering von Tisch zu Tisch gehen, während sich Beck an die Bar zurückgezogen hatte. Anders als der Parteichef vermittelte der Vizekanzler den Eindruck vollständiger Zufriedenheit. Er hatte noch einen netten Abend vor sich: eine lustige Schifffahrt im Kreis seiner Mitstreiter mit ihm als Kapitän.

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