Politik : Eine Stilfrage

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

„Schreiben Sie gewichtig, Schmock, sagt er, schreiben Sie tief, man verlangt das heut- zutage von einer Zeitung.“ Also hat der Schmock, wie es sein Redakteur verlangte, gewichtig geschrieben und tief. Manchmal aber auch anregend und brillant, wenn das gerade der Stil der Saison war. Der Schmock arbeitet nämlich für kargen Zeilenlohn beim „Coriolan“, einer imaginären konservativen Zeitung in einer imaginären deutschen Klein-Hauptstadt, und kann sich keine andere Haltung leisten als die, die ihn bezahlt: „Ich kann schreiben nach jeder Richtung“, versichert er, als er sich beim liberalen Konkurrenzblatt bewirbt. Der Schmock ist eine Randfigur in Gustav Freytags Theaterstück „Die Journalisten“, hat sich aber seither als Metapher selbstständig gemacht. Ein bisschen verändert hat er sich dabei auch. Freytags Schmock war ein bescheidener Mensch mit Einsicht in seine Lage. Der Schmock der Moderne tut sich obendrein wichtig.

Ende der Vorrede, Hauptteil. Rudolf Augstein ist tot. Der war das ganze Gegenteil von einem Schmock. Wir kleinen Schreiberlinge hinter den Linden können uns nur tief vor ihm verneigen. Auch andere haben das getan. Einer aber gab dem großen Toten noch eins mit: „Noch kürzlich habe er Augstein bei der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an ihn in der Frankfurter Paulskirche getroffen und mit ihm diskutiert. Dabei sei es um Augsteins zynische Grundhaltung gegangen. Diese teile er zwar nicht, trotzdem habe er großen Respekt vor dem Lebenswerk des Spiegel-Gründers.“ Wer das war, verraten wir nicht. Das möge, wer es wissen will, selbst herauskriegen. Aber bei der Klärung der Frage, was der ist, haben wir gerne Hilfestellung geleistet.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben