Politik : Eine Stimme für deutsche Muslime

Was der Dachverband bewirken soll

Andrea Dernbach

Berlin - Die größeren muslimischen Verbände in Deutschland haben jetzt einen Dachverband, den „Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland (KRM)“ – und damit in Zukunft eine gemeinsame Stimme. Es sei Zeit dafür gewesen, meint nicht nur Bekir Alboga von der türkisch-islamischen Ditib. Auch Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU), der im September zur Islamkonferenz einlud, nennt den Schritt der vier Verbände – neben Ditib sind es Islamrat, Zentralrat der Muslime und der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) – „richtig und gut“. Alle Probleme zwischen Staat und Islam sind damit freilich nicht gelöst.

Wie kam es zum Dachverband?

Seit sich der Dialog zwischen den staatlichen Ebenen – vor allem Bund und Ländern – und den Vertretern der Muslime verstetigt hat, gibt es erheblichen Druck auf die Muslimvereinigungen, einen Ansprechpartner zu benennen. Eng zusammengearbeitet haben die Muslime in letzter Zeit schon öfter: Als etwa Giuliana Sgrena im Irak entführt wurde, die italienische Journalistin, die auch für die „Zeit“ arbeitete, appellierten Ditib, Islamrat und Zentralrat 2005 gemeinsam an die Geiselnehmer, sie freizulassen. Kürzlich sagten sie aus Ärger über eine von der EKD herausgegebene „Handreichung“ zum christlich-muslimischen Dialog auch gemeinsam ein Gespräch mit dem EKD-Vorsitzenden Huber ab. Intensive Gespräche über einen Dachverband gab es seit Anfang 2005.

Gleiches Recht für Kirche und Moschee?

So sollte es sein, meinen die Vertreter der Muslimorganisationen. Nach der Gründung des Koordinationsrats, so Bekir Alboga von der Ditib zum „Tagesspiegel“, gelte: „Nach unserem Selbstverständnis sind wir eine Religionsgemeinschaft. Faktisch gibt es kaum einen Unterschied zwischen Kirche und Moschee: Was tut ein Imam im Unterschied zum Pfarrer?“ Zwar seien nur etwa ein Viertel der Muslime eingetragene Mitglieder einer Moscheegemeinde, aber zum Freitagsgebet versammelten sich dort drei- bis viermal so viele Gläubige, die zudem mit Spenden über viele Jahre hinweg die Gemeinden am Leben hielten. Dem Einwand des nordrhein-westfälischen Integrationsministers Armin Laschet (CDU), die jetzige Organisation erfülle, anders als die der Kirchen, noch immer nicht die Anforderungen an eine Körperschaft öffentlichen Rechts, entgegnet Alboga: „Ändern wir nicht ständig Gesetze, wenn es nötig ist? Wir haben uns bewegt und damit sowohl einem Wunsch der Muslime wie einer Erwartung der Politik entsprochen. Jetzt müssten die Instanzen, die Politik oder die Kirchen, den nächsten Schritt tun.“ Die staatliche Anerkennung als Körperschaft öffentlichen Rechts ist nötig für Verhandlungen über den Religionsunterricht. Auch um Mitglieder in den Rundfunkräten zu stellen, brauchen die Muslime diesen Status.

Was sagen Kritiker?

Die SPD-Abgeordnete Lale Akgün hält die Gründerverbände für sehr konservativ und fürchtet um liberale muslimische Ansichten. Ihr Grünen-Kollege Omid Nouripour bezweifelt sogar den Sinn eines Dachverbands: Der Islam sei vielfältig, der „permanente Ruf der Politik nach der einen Telefonnummer im Islam völlig kontraproduktiv“.

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