Politik : „Eine ungesunde Abhängigkeit“

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Was erwarten Sie vom Energiegipfel der Bundesregierung an diesem Montag?

Nicht allzu viel. Es wird Konsens sein, dass man erneuerbare Energien fördern und das Energiesparen voranbringen will. Was den Energiemix der Zukunft anbelangt, wird man zwangsläufig über eine umweltfreundliche Kohletechnologie sprechen müssen.

Warum?

Weil man auf dem Gipfel nicht über Atomenergie sprechen will, was ich für einen Fehler halte. Der Verzicht auf Atomenergie hat schwer wiegende Konsequenzen für den Energiemix im Jahr 2020. Bis dahin kann man es schaffen, 20, vielleicht 25 Prozent des deutschen Strombedarfs aus erneuerbaren Energien zu decken. Das bedeutet, dass der Anteil von Kohle bei 50 Prozent bleibt und der von Gas auf 30 Prozent steigen muss.

Welche Nachteile hat das?

Zum einen wird die Abhängigkeit Deutschlands vom Gas in bedrohlicher Weise steigen. In Zukunft werden wir weniger Gas aus Norwegen und den Niederlanden beziehen können, weil die Ressourcen dort zu Neige gehen. Wir werden verstärkt auf die russischen Lieferungen angewiesen sein. Von dort werden im Jahr 2020 bis zu 70 Prozent unseres Gasbedarfs kommen müssen. Das ist eine sehr ungesunde Abhängigkeit.

Was spricht gegen einen höheren Anteil der Kohle?

Die herkömmliche Kohleenergie verursacht einfach zu viele Treibhausgase. Ob man dieses Problem durch neue Technologien in den Griff kriegen kann, ist derzeit völlig offen.

Deutschland kann sich den Atomausstieg im geplanten Tempo also nicht leisten?

Genau. Die Atomkraftwerke müssten so lange am Netz bleiben, bis der Anteil erneuerbarer Energien deutlich gesteigert werden kann. Nur so können wir zu einem ausgewogenen Energiemix kommen.

Das Umweltministerium hält dem entgegen, eine Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken würde die Investitionen in effiziente und erneuerbare Energien hemmen.

Das Gegenteil ist der Fall. Wenn man so schnell aus der Atomenergie aussteigt, zwingt man die Konzerne in Kohle oder Gas zu investieren. Die Regierung möchte sinkende Strompreise. Aber so werden die Strompreise stark steigen.

Die Fragen stellte Stephan Haselberger.

Claudia Kemfert (36) ist Leiterin der Umweltabteilung am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professorin für Umweltökonomie an der Berliner Humboldt-Universität.

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