Politik : Eine Verbeugung

Begegnung mit Osteuropa: Frank Gaudlitz zeigt im KunstRaum sein Fotoprojekt „Casa Mare +“

Heidi Jäger

Sie stehen in ihren schönsten Kleidern am alten Küchenherd, neben einem Blumentopf oder an blankgeputzten Messern. Selbstbewusst, herausfordernd und auch versonnen schauen sie auf den Betrachter. Nie ist Abwehr zu spüren. Die Porträtierten sprechen nicht nur über ihre Augen und ihre Haltung. Auch das Zimmer, in dem sie Aufstellung genommen haben, erzählt Geschichten. Geschichten aus ihrem Leben, zu dem Familienfotos und Heiligenbilder ebenso wie schwere Ornamentteppiche oder feingeklöppelte Spitze gehören. Prunk neben Einfachheit. Mensch und Interieur verschmelzen zu einem gewachsenen Ganzen. Und wie in einer Filmsequenz läuft die eigene Fantasie über das Leben dieser Fremd-Vertrauten weiter.

Die Idee für sein Projekt „Casa Mare +“, das Frank Gaudlitz ab heute im KunstRaum vorstellt, hatte der Potsdamer Fotograf schon während „Warten auf Europa“. Damals porträtierte er Menschen, denen er zufällig auf seiner Reise entlang der Donau begegnete. Mitunter wurde er unterwegs eingeladen und war fasziniert von den Innenräumen, die sich ihm auftaten. Würde es möglich sein, die Menschen in ihren guten Stuben so zu fotografieren, dass kein Chaos entsteht, der Mensch nicht von der Wucht der Farben und Ornamenten erdrückt wird?

Frank Gaudlitz wagte das Risiko der Inszenierung. „Ich überließ es den Porträtierten, die Kleidung auszuwählen.“ Erst danach wählte er den passenden Ort im Haus aus, wo sie fotografisch bestmöglich zur Geltung kommen. Da es in den Räumen meist sehr dunkel war, musste Gaudlitz sehr lange belichten, wie in der Fotografie des vergangenen Jahrhunderts. Und die Leute mussten dementsprechend lange verharren. „Das führte zu einem Verdichten des Ausdrucks, zum Fallenlassen von Eitelkeiten und Maskeraden. Sie kamen in eine Ruhe, die im normalen Alltag ungewöhnlich ist.“ Frank Gaudlitz wusste natürlich, dass das Stehen eine schwierige Position ist und man sich sitzend oder liegend wohler fühlt. „Aber gerade dieses Stehen macht für diese Menschen, die ständig körperlich arbeiten, etwas Besonderes auf.“ Wenn der Fotograf den Auslöser betätigte, geschah das nicht auf Augenhöhe. Er schaute von oben in seine Kamera hinein, die er auf einem Stativ verankerte. „Das war wie eine Verbeugung vor dem anderen.“

Das grenzenlose Vertrauen, das ihm überall im Osten entgegenschlug, ist auf den Fotos abzulesen. Niemand verschränkt abwehrend die Arme. „Das Misstrauen geht erst mit höher werdendem Lebensstandard einher“, so die Erfahrung des feinsinnigen Welterkundlers. Gaudlitz suchte verschiedene soziale Schichten und Ethnien auf, die sich entlang der Donau oft auf engstem Raum trafen. Ziele seiner fotografischer Spurensuche waren unter anderem die Schwäbische Türkei in Südwestungarn, Bessarabien in der Republik Moldau, die Vojvodina in Serbien, Siebenbürgen und die Dobrudscha in Rumänien. Er hielt Traditionen fest, die mit der EU-Osterweiterung zu verschwinden drohen. Am Farbenfreudigsten präsentierte sich die Dobrudscha. Und auch am einfachsten. Dort stellte ihm der Bürgermeister einen „Sozialassistenten“ zur Seite, der für ihn als Einheimischer an die Türen klopfte. „Rein kommen war einfach, raus dagegen schwierig“, sagt Gaudlitz, der sich auch als trinkfest erweisen musste. „Fast alle haben sich gefreut, dass sich jemand für sie interessiert, und ich bin jemand, der sich vor jedem anderen Leben verbeugt, egal aus welcher Schicht er kommt. Ich glaube, das spüren die Menschen.“

Die Deutschen in Rumänien erlebte er indes als traurige Gemeinschaft, „die Alten halten sich fest am Alten und die meisten wollten ihre Trachten anziehen. Aber dahinter verschwindet der Mensch.“ In diesem Fall griff er auch mal als Kleiderberater ein.

In dem Schriftsteller und Pfarrer Eginald Schlattner aus Siebenbürgen, der unter Ceausescu Gefangener der Securitate war, traf er einen ganz anderen Geist. „Er war eine meiner verrücktesten Begegnungen. Bevor er Pfarrer wurde, arbeitete Schlattner als Hydrologe. Heute lässt er auf eigene Kosten für die Roma Wasser legen, was die Deutschen um ihn herum gar nicht mögen. Drei Stunden haben wir geredet, am Ende segnete er mich und gab mir 53 schützende Engel mit auf den Weg.“

Frank Gaudlitz ist voll von Geschichten, die ihm das Wiederkommen nach Potsdam nicht unbedingt leichter machen. Gerade nach Südamerika, wo er bereits in sein nächstes Projekt eingetaucht ist und wie von Daniel Kehlmann beschrieben, auf Humboldtschen Spuren die Welt vermisst. Noch steckt er mitten drin in der Arbeit, dennoch gibt er bereits einen ersten, noch unfertigen Blick auf sein Sonnenstraßenprojekt quer durch Kolumbien, Peru und Equador preis. „Das würde ich woanders nicht machen, aber Potsdam und der KunstRaum sind mir nah.“ Und er wollte in seiner Heimatstadt eben noch ein „Plus“ zu der bereits an anderen Orten gezeigten „Casa mare“-Ausstellung über Osteuropa dazu setzen.

Mit 15 Kilogramm auf dem Rücken durchwanderte Frank Gaudlitz oft auf 4000 Metern Höhe die Landschaft: in meditativer Langsamkeit, sich der Flüchtigkeit des eigenen Daseins bewusst. „Vor der gigantischen Kulisse der Anden spürt man, wie klein und unwichtig man ist.“ Und er ging genau in die Dörfer, die auch Humboldt besuchte. Am Ticitacca-See erlebte er ein farbenfrohes Fest in bunten Trachten. „Die Leute tanzten trotz Regens. Plötzlich rutschte ein alter Mann in einer Schlammpfütze aus. Und lachte lauthals. Er lachte so lange, bis alle mitlachten. Er hat sein Pech als Glück verstanden und keine Angst vor Peinlichkeit verspürt: Das sind die schönsten Lehren von so einer Reise.“

Als er nach monatelangen Streifzügen auf Wegen, die schon die Inkas liefen, wieder nach Potsdam zurück kehrte, hatte Frank Gaudlitz eine Sinnkrise. „Ich wusste nicht mehr, wo ich mich verorten konnte.“ Schließlich gelang es ihm in seinen Bildern. Doch die Koffer sind immer griffbereit.

Heute 20 Uhr Vernissage mit Künstlergespräch und Live-Musik von Fanfara Bacau, KunstRaum, Schiffbauergasse 4

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