Politik : Eine Zweck-Männerfreundschaft

Bei der Geiselbefreiung finden Uribe und Chávez doch noch einmal zusammen

Michael Schmidt

Berlin - Sie können sich nicht leiden, brauchen sich aber. Kolumbiens konservativer Präsident Alvaro Uribe und Venezuelas linksnationalistischer Staatschef Hugo Chávez könnten politisch und ideologisch gegensätzlicher kaum sein. Chávez ist ein erbitterter Gegner des großen Nachbarn im Norden, der USA, er proklamiert den Sozialismus des 21. Jahrhunderts und fördert mit seinen Petrodollars in erster Linie soziale Projekte. Uribe dagegen ist der wichtigste regionale Alliierte Washingtons. Sein Hauptanliegen ist der Kampf gegen die Guerilla im eigenen Land, mit harter Hand und finanzstarker Unterstützung von US-Präsident George W. Bush. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten: Beide haben Caudillo-hafte Züge und einen populistischen Regierungsstil, der sie immer wieder ganz pragmatisch strategische Allianzen eingehen lässt – wenn es ihren je eigenen Zielen zu dienen scheint.

So kommt es, dass Uribe Chávez erst kürzlich das Mandat für Bemühungen um die Freilassung von Geiseln der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) entzog – und jetzt sein Außenminister Fernando Araujo auch in seinem Namen Venezuela für die Vermittlung dankt, die bis Sonntag zur Freilassung dreier Geiseln der Guerilla führen soll. Am Freitat starteten Hubschrauber mit einer internationalen Delegation und Ärzten vom Flughafen Santo Domingo in Venezuela aus in Richtung der kolumbianischen Stadt Villavicencio, rund 100 Kilometer von Bogotá entfernt. Der weitere Plan von Chávez sah vor, dass die Helikopter von dort zum – von den Farc bestimmten – geheimen Übergabepunkt starten und dann nach Venezuela zurückkehren. Die kolumbianische Regierung erlaubt das Eindringen von Hubschraubern aus Venezuela in den kolumbianischen Luftraum.

Vor fünf Wochen schien das undenkbar, die Beziehungen der beiden Länder vielmehr auf einem Tiefpunkt angelangt zu sein. Uribe entzog seinem Amtskollegen das Mandat zur Vermittlung. Chávez legte die „Beziehungen zu Kolumbien in eine Tiefkühltruhe“ und schimpfte: „Sie haben uns brutal ins Gesicht gespuckt, während wir mit Herz und Seele versuchten, sie auf die Straße des Friedens zu bringen“. Uribe entgegnete, Chávez wettere gegen den Imperialismus und wolle dabei selbst ein Imperium errichten, in der Geiselkrise sei aber Vermittlertätigkeit gefragt – „und keine Leute, die versuchen, den Terrorismus zu legitimieren.“

Wie konnte es danach zu der neuerlichen Zusammenarbeit kommen? Venezuela und Kolumbien unterhalten enge Wirtschaftsbeziehungen, der Handel zwischen den beiden Andenrepubliken wird auf sechs Milliarden Dollar geschätzt – keiner der Beteiligten hat ein Interesse daran, dieses Verhältnis dauerhaft zu schädigen. Hinzu kommt: Chávez hofft, nach seinem gescheiterten Verfassungsreferendum wenigstens außenpolitisch punkten und sich als konstruktiv wirkende regionale Führungsmacht etablieren zu können. Und Uribe – Uribe gehörte lange zu jenen, die jedwede Art des Gesprächs mit der Guerilla als Zeichen der Schwäche betrachten . Man darf nicht vergessen: Uribe, dessen Vater von der Guerilla ermordet wurde, verdankte seine Wahl 2002 dem Ruf nach einem harten Vorgehen gegen die Rebellen, nachdem die Farc Friedensverhandlungen mit seinem Amtsvorgänger schamlos ausgenutzt hatten, um eine „demobilisierte Zone“, die als neutrales Verhandlungsterritorium galt, zum Rückzugsgebiet der Guerilla zu machen.

Inzwischen aber hat sich die Stimmung gewandelt. Nachdem der Lehrer Gustavo Moncayo 1000 Kilometer durch das Land gelaufen war, um an seinen seit mehr als zehn Jahren entführten Sohn zu erinnern, gingen Millionen Kolumbianer auf die Straße und forderten, der Gewalt und Gegengewalt überdrüssig, einen humanitären Austausch: Geiseln gegen Gefangene. Darum ließ sich Uribe ein auf das Chávez’sche Spiel. Diskreditiert von Skandalen um die rechtsextremen Paramilitärs und ihren Einfluss auf Politik und Wirtschaft und bedrängt von den USA, die ihre Militärhilfe von Fortschritten bei den Menschenrechten abhängig machen, konnte er vielleicht gar nicht anders. Um nicht als der große Verhinderer dazustehen, wollte er vielleicht auch nicht anders. Der Druck des großen internationalen Interesses dürfte sein Übriges getan haben – inzwischen hat ja Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy den Fall der frankokolumbianischen Farc-Geisel Ingrid Betancourt schon zur Chefsache gemacht.

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