Politik : Einer hat Nein gesagt

Gerhard Schröder ist zum zweiten Mal zum Kanzler gewählt worden – aber nicht von allen aus dem eigenen Lager

Markus Feldenkirchen,Hans Monath

Von Markus Feldenkirchen

und Hans Monath

Zu besonderen Anlässen werden gerne Platzkärtchen verteilt. Weil das im Bundestag nur selten vorkommt, hat der Abgeordnete Gerhard Schröder um kurz vor halb elf Orientierungsprobleme. In die erste Reihe, dritter Platz von links, haben die Fraktionsmanager ihn an diesem Dienstagvormittag platziert. Dort setzt er sich nun und hört Bundestagspräsident Wolfgang Thierse den „Tagesordnungspunkt eins, Wahl des Bundeskanzlers“ aufrufen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Schröder zum Kanzler gewählt werden soll, mit einer bösen Überraschung muss er eigentlich auch nicht rechnen, aber dennoch zeigt Schröder Zeichen von Nervosität. So klopft und reibt er die Handflächen im Wechsel ganz vorsichtig aneinander. Schließlich bittet Thierse zur Abstimmung, von A bis Z. Als man beim Buchstaben E angelangt ist, kämpft sich die SPD-Abgeordnete Marga Elser auf Krücken gestützt die flachen Stufen zur Wahlurne hinunter, den rechten Fuß in Gips. Eine Woche vor der Wahl hatte sie sich im Straßenwahlkampf das Wadenbein gebrochen. Heute aber will sie für ihren Kanzler da sein.

Der hat inzwischen seinen Stuhl verlassen, steht ein wenig verloren im Gemenge der 598 Abgeordneten. Bevor er selbst hinter dem weißen Vorhang zum Kreuzchen machen verschwindet, schlägt ihm Otto Schily kumpelhaft auf die Schulter, als wolle er sagen: „Mach bloß nichts verkehrt, Gerd.“ Macht er nicht. Dafür hätte der SPD-Mann Jörg Tauss beinahe seine Kanzlerwahl verschlafen. Erst als Wolfgang Thierse den Wahlgang schon für beendet erklärt, fällt Tauss auf, dass er selbst noch nicht abgestimmt hat. „Halt, ich noch“, ruft er, stürmt zur Wahlkabine und darf seine Unterlagen gerade eben noch in die Urne werfen. Während der 20 Minuten Wartezeit hält sich Schröder wieder an Schily, sie lachen, flachsen, beobachten die wartenden Kollegen und erinnern dabei an die beiden Rentner aus der Muppet-Show.

Als der Bundestagspräsident schließlich das Ergebnis verkündet, liegen die Kanzlerhände flach auf dem Tisch. Langsam rutscht er mit seinem Stuhl in der Schiene nach hinten, die SPD-Fraktion springt auf zum Applaus, die ersten Gratulanten rücken näher, erst Müntefering, dann Joschka Fischer, später Angela Merkel. Seinen geschassten Arbeitsminister Walter Riester umarmt Schröder so herzlich, als wolle er den armen Mann gar nicht mehr loslassen. 305 Stimmen hat er bekommen, 306 Abgeordnete zählen die Fraktionen von SPD und Grünen.

Kaum hat der Kanzler die Wahl angenommen, beginnt im Foyer die Suche nach dem Urheber der Nein-Stimme. Der Grünen-Abgeordnete Winfried Hermann, der schon in der Vergangenheit viel für seinen Ruf als Abweichler getan hat, versichert Journalisten ungefragt, dass weder er selbst noch andere Mitglieder der Grünen-Fraktion die Schuldigen seien. „Es wäre völlig absurd, jetzt den Kanzler nicht zu wählen“, sagt er.

Am Tag vor der Wahl hat Joschka Fischer hinter verschlossenen Türen seiner eigenen Fraktion wegen der knappen Mehrheit heftig ins Gewissen geredet – und dabei auch Winfried Hermann und andere Widersacher im Blick gehabt. „Von wegen Sperrminorität“, warnte der Außenminister da. Jeder müsse sich nun der gewachsenen Verantwortung bewusst werden. Doch öffentlich gibt sich Fischer nach der Abstimmung am Dienstag optimistisch. Auch die eine Gegenstimme bereite ihm kein Problem: „Das juckt wirklich nicht.“ Als geheime Wahl sei die Kanzler-Kür die am schwersten zu beeinflussende Entscheidung der Legislaturperiode, und die sei nun gut überstanden.

Der sozialdemokratische Partner aber reagiert nicht ganz so gelassen. In internen Gesprächen auf den Fluren werden alle möglichen Kollegen verdächtigt, die diesmal beim Run auf Ämter zu kurz gekommen sind oder sonst wie enttäuscht sein könnten. Und SPD-Fraktionschef Franz Müntefering, dessen Aufgabe manche mit der eines Zuchtmeisters vergleichen, droht dem unbekannten Nein-Sager aus den eigenen Reihen ganz offen: „Es wird noch zu klären sein, wer anders gestimmt hat.“ Denn auf die eine Stimme kann es für den Kanzler schon sehr bald ankommen.

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