Politik : Eingreiftruppe: Weltmacht EU (Kommentar)

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Die Nachricht wird Sie nicht überraschen: Der Kalte Krieg ist noch immer vorbei. Bemerkenswert ist allerdings, dass auch die Nato dies jetzt, zehn Jahre danach, verstanden hat. Und zwar vor allem die Westeuropäer. Früher brauchten sie die USA, weil sie glaubten, dass die Russen sonst bis zum Atlantik marschieren. Dehalb war Washington sehr mächtig - und die Westeuropa vor allem ängstlich. Das ist vorbei, und nun bröckelt der Kitt in der Nato. Ganz langsam zwar, aber dafür unerbittlich. Zuerst haben die Europäer mit dem Euro eine globale Konkurrenzwährung zum Dollar geschaffen. Jetzt sind sie dabei, sich auch militärisch zu emanzipieren. Demnächst wird es eine 60 000 Mann starke EU-Eingreiftruppe geben - und zwar nicht unter Nato-Kommando, wie es die USA gerne hätten, sondern gegebenfalls auch ohne USA und Nato. Hinzu kommt eine unscheinbare Meldung, die in den USA äußerst unfroh aufgenommen wurde. Auch die Briten, normalerweise die Vertreter Washingtons auf Erden, wollen ihre Waffen künftig nicht mehr in den USA bestellen sondern in Europa. So entsteht derzeit eine europäische Rüstungs- und Raumfahrtproduktion. Konkurrenz auf allen Ebenen: beim Geld, der Industrie und nun auch militärisch. Hinzu kommt der Zwist um die US-Raktenabwehr NMD, die viele Europäer für den Ausdruck amerikanischer Paranoia und Start eines neuen Wettrüstens halten. Kurzum: Die Europäer basteln an dem, was im verschwurbelten Expertenjargon "europäische Verteidigungsidentität" heißt. Und da lautete die Richtlinie: Viel dran denken, nie drüber reden. Und auch damit hat Javier Solana jetzt gebrochen. Dem "Spiegel" erklärte Mr. GASP, dass Europa militärisch bald "in der Welt ein Gewicht besitzt, das mit seinem ökonoischen Potenzial übereinstimmt." Eine klare Ansage. Die EU will Weltmacht werden. Nicht unter, neben den USA.

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