Politik : Einheit trotz Vielfalt

Schily fordert Zentralrat auf, liberale Juden einzubinden

Ruth Ciesinger

Der Innenminister sprach aus, was wohl die meisten dachten. Die Vielfalt unter den Juden habe Tradition in Deutschland, sagte Otto Schily – auch wenn es manchmal etwas kompliziert sei mit der jüdischen Pluralität. Die liberale „Weltunion für progressives Judentum“ feierte den 75. Jahrestag ihrer Gründungskonferenz in Berlin, und Schily nutzte den Festakt, um an den Staatsvertrag zwischen Deutschland und dem Zentralrat der Juden zu erinnern. Die jüdische Gemeinschaft sei wieder zu einem lebendigen und festen Bestandteil des Lebens in Deutschland geworden, so der Minister. Er erwarte, dass der Zentralrat alle jüdischen Gemeinden in die Praxis des Vertrags einbeziehe. Eine Forderung, die die „progressiven Juden“ mit anhaltendem Beifall quittierten.

Die liberal ausgerichtete „Weltunion“ vertritt rund 1,5 Millionen Mitglieder, die meisten leben in den USA oder Großbritannien. Ihren Ursprung hatte die Bewegung in den zwanziger Jahren maßgeblich in Deutschland, ab 1938 war der Berliner Rabbi Leo Baeck ihr Präsident – er blieb dies nach seiner Rückkehr aus dem KZ 1945 weitere acht Jahre. Doch existierten nach Kriegsende kaum liberale Gemeinden in Deutschland. In den vergangenen zehn Jahren aber ist ihre Zahl auf dreizehn gestiegen. Diese wollen an dem Staatsvertrag zwischen Zentralrat und Bundesregierung beteiligt sein, der jährlich drei Millionen Euro an den Dachverband von 83 jüdischen Gemeinden fließen lassen soll und der an diesem Freitag mit der Billigung durch den Bundesrat seine letzte legislative Hürde genommen hat.

Anfang des Jahres hatten sich die liberalen Gemeinden besorgt gezeigt, dass sie im Gegensatz zu den traditionellen „Einheitsgemeinden“ dabei nicht berücksichtigt werden würden. Doch zum Festakt hat man sich offenbar angenähert. Der Vorsitzende des Zentralrats, Paul Spiegel, war zwar nicht anwesend, betonte aber in seinem Grußwort die Bedeutung des jüdischen Pluralismus in Deutschland. Er sei „zuversichtlich“, dass man einen „gemeinsamen Konsens“ finden werde. Der Vorsitzende der „Union liberaler Juden in Deutschland“ dankte entsprechend den „ermutigenden Worten“. Der Generalsekretär der Weltunion, Rabbi Uri Regev, betonte nochmals die Partnerschaft, die man mit dem Zentralrat und der Bundesregierung suche. Zugleich kündigte er an: „Wir werden die nächsten Schritte beobachten.“

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