Politik : Einheitsdebatte: Die Berliner SPD ist im Aufwind - aber wohin will sie?

Gerd Nowakowski

Die Große Koalition ist ein politisches Phänomen mit einer Konstanten: Die Berliner sind unzufrieden mit ihr. Man grämt sich unverändert, wohl wissend, dass nach dem Mauerfall die großen Aufgaben der Einheit wohl nur so zu stemmen waren - und bislang die Alternativen fehlten.

Das könnte sich ändern. Einbilden sollte sich die SPD nur nicht, sie sei gesundet, weil nun wieder 30 Prozent der Wähler bereit sind, ihr Kreuz bei der SPD zu machen. Vor gut einem Jahr machte ein glückloser und ungeschickter Kandidat Walter Momper vor, wie man binnen kurzem aus einem deutlichen Vorsprung ein historisches Zustimmungstief machen kann. Wie siech die SPD ist, zeigt die deutlich höhere Zustimmung zur Bundespartei. Die Berliner SPD hat eine "Kompetenzlücke" - und es fehlt ihr an wählbaren Persönlichkeiten.

Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen führt mit weitem Abstand in der Beliebtheitsskala. Doch das ist ein schaler Triumph. Denn die Probleme der SPD könnten leichter lösbar sein als die der CDU. Der mangelt es an Alternativen zum derzeitigen Partner. Fast die Hälfte der Ost-Berliner können sich inzwischen eine rot-rote-Koalition von PDS und SPD vorstellen, im Westteil hält das immerhin jeder fünfte Wähler für eine gute Sache. Was bleibt der CDU? Schwarz-Grün? Wohl kaum. Die in Wahlen demokratisch legitimierte PDS wird koalitionsfähig, das hält keiner auf - höchstens die PDS selbst, wenn sie das Erbe von Gysi und Bisky verspielt. Die PDS wird normal; das kann man als wahren Gradmesser für den Stand der Einheit in der Stadt lesen. In den Köpfen geht die Wendezeit zu Ende.

Die Berliner Genossen stehen unter Bewährungszwang durch die Bundespartei. Sie müssen einen wählbaren Kandidaten präsentieren. Viele zweifeln, ob der ambitionierte, aber oft mit ruppiger Überheblichkeit agierende Landesvorsitzende Peter Strieder in diese Rolle hineinwächst. Die Entscheidung, wer 2004 in der Stadt Willy Brandts antritt, wird Gerhard Schröder nicht allein den Berliner Genossen überlassen. Das Ende der Großen Koalition, das wäre auch das Ende des politischen Ausnahmezustands, der Beginn der politischen Normalität in der einstigen Mauerstadt.

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