Politik : Einheitsfeier: "Angela Merkel hat zu spät begonnen, Kohl einzubinden" (Interview)

Herr Lösche[was ist los in der CDU?]

Herr Lösche, was ist los in der CDU?

Es gibt einen Machtkampf zwischen dem alten System Kohl, der zu einem Netzwerk gewachsenen Erwerbs- und Zugewinnsgemeinschaft von schätzungsweise 3000 Parteifunktionären, und der neuen Parteiführung. Diese, vor allem Angela Merkel, versucht derzeit, sich eine eigene Machtbasis in der Partei zu schaffen. Merkel ist es gelungen, etwa durch ihre Regionalkonferenzen, sich Rückhalt und Sympathie zu verschaffen auf der mittleren Parteiebene. Nun muss sie diesen Rückhalt ausbauen.

Wird sie das schaffen?

Ich habe da große Zweifel. Angela Merkel war bisher offenbar nicht geschickt genug, ihre Machtbasis zu stabilisieren. Trotz ihrer Popularität ist sie im politischen Geschäft immer noch zu unerfahren und taktisch nicht raffiniert genug. Zumal im Vergleich mit einem gewieften Parteipolitiker wie Helmut Kohl, der es schafft, durch sparsame taktische Züge große Wirkung zu erzielen und damit zu überspielen, dass sein Einfluss im Schwinden ist. Wie nun eben durch seine schlitzohrige Absage für alle Einheitsveranstaltungen. Aus den Fehlern der neuen Parteiführung spricht eine gewisse Furcht, weil sie nicht weiß, wie mit Kohl umzugehen ist. Es ist doch überraschend, dass Merkel nicht schon längst mit Kohl gesprochen hat.

Wie hätte sich Merkel verhalten sollen?

Sie hätte früher beginnen müssen, die Doppelstrategie von Integrieren und Distanzieren zu verfolgen: Einerseits Kohl zum Denkmal machen und seine Verdienste herausstellen, ihn also als geschichtliche Figur einbinden, andererseits aber seine Verstöße gegen Verfassung und Recht nutzen für eine Distanzierung vom aktiven Politiker Kohl. Das Einbinden hat Merkel vernachlässigt.

Was treibt Kohl an? Inhaltliche Differenzen sind ja nicht auszumachen, sein politisches Erbe steht nicht zur Debatte.

Der machtsüchtige Kohl kann, wie vor ihm Konrad Adenauer, nicht Abschied nehmen von der Macht. Adenauer fand Gefallen daran, gegen seinen Nachfolger Ludwig Erhard zu arbeiten und erlebte das Scheitern Erhards als seinen eigenen Triumph. Aber Adenauer hatte nur Kanzleramt und Fraktion als Machtbasis, nicht die Partei, die damals noch ein Honoratiorenverein war. Kohl hat mehr: Er hat noch Macht über einen Teil der Partei. Merkel und Fraktionschef Friedrich Merz werden nur gewinnen, wenn sie die Machtprobe um die Zustimmung in der Partei gewinnen. Kohl wird erst Ruhe geben, wenn er eine deutliche Niederlage erleidet.

Würde sich etwas ändern, wäre Merkel nicht mehr Parteichefin?

Die Auseinandersetzung mit dem System Kohl und die Aufarbeitung der Spendenaffäre stehen unabhängig von der Parteiführung auf der Tagesordnung.

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