Politik : Einheitsfeier: Der lange Schatten von Großbritanniens Eiserner Lady

Albrecht Meier

Margaret Thatcher und Helmut Kohl sind nie enge Freunde gewesen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sich die Eiserne Lady in ihren Memoiren an einen Besuch beim Bundeskanzler im April 1989 erinnert. "Fröhlich, kurios, sentimental und leicht übertrieben", sei es damals zugegangen, schreibt die ehemalige britische Premierministerin, "gemütlich ist, glaube ich, das deutsche Wort". Die Chemie zwischen dem Kanzler der Einheit und der Premierministerin, die Bedenken gegen die Wiedervereinigung äußerte, hat zwar nie gestimmt. In einem Punkt sind sich die beiden aber sehr ähnlich: Auch nach dem Verlust der Macht behielten sie einen erheblichen Einfluss auf die Parteien, denen sie ihren Aufstieg zu verdanken hatten.

Anders als die "Kohlianer" stehen die Thatcherites unter den britischen Konservativen für klare politische Glaubensgrundsätze: Für Marktradikalismus, gegen die Gewerkschaften - und vor allem gegen alle allzu forschen europäischen Einigungsbemühungen. Es ist der letzte Punkt gewesen, der seinerzeit fast zu einer Spaltung der Tories führte und der streng anti-europäischen Premierministerin im November 1990 die Macht kostete. Heute, knapp zehn Jahre später, ist der direkte Einfluss der inzwischen 74-jährigen Margaret Thatcher auf die Konservativen zwar begrenzt. Aber ihre Auftritte bei den jährlichen Parteitagen der Tories gelten immer noch als mediale Höhepunkte im politischen Einerlei auf der Insel. Mit Bewunderung und leichtem Entsetzen verfolgen die Parteifreunde dann, wie die alte Dame, meist in eines ihrer marineblauen Kostüme gekleidet, das Wort auf dem Podium ergreift. Zuletzt geißelte sie im vergangenen Oktober in Blackpool die Labour-Regierung wegen ihres harschen Umgangs mit ihrem Freund, dem chilenischen Ex-Diktator Augusto Pinochet.

Die Gerüchte, die Lady halte nicht viel vom gegenwärtigen Tory-Chef William Hague, sind inzwischen verstummt. Die Frau, die 15 Jahre lang an der Spitze der Konservativen stand, geht einigermaßen gnädig mit ihrem Nach-Nachfolger um. Dafür ließ sie die Öffentlichkeit nach ihrem Abgang um so deutlicher wissen, was sie von John Major hält, der sie vor zehn Jahren als Regierungschef beerbte. Thatcher verzieh ihrem Nachfolger nie, dass er beim Kampf gegen die "Brüsseler Eurokraten" nicht den gleichen Feuereifer an den Tag legte wie sie. In ihren Memoiren bezeichnete sie Major als "intellektuelles Treibholz". Mit der verheerenden Niederlage bei der Unterhauswahl im Jahr 1997 endete auch die Parteikarriere Majors jäh - die letzte Rache der "Thatcheristen".

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